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Als Davit zu uns kam...

Birgit Wetzel, Gastmutter von Davit aus Georgien

Als Davit zu uns kam, waren wir alle ziemlich neugierig. Zu unserer großen Freude konnte er schon gut Deutsch sprechen.

Gleich am zweiten Tag erklärten wir ihm unseren Tageslauf, unsere gemeinsamen Mahlzeiten und die Aufteilung der Dienste im Haushalt. Dann machte Davit mit einem der Kinder einen Spaziergang durch die Nachbarschaft.

Wie fremd und anstrengend für ihn die ersten Tage waren, das erfuhren wir erst Wochen später. Für uns schien alles ganz einfach – unser neuer Gast wurde aufgenommen, angenommen, akzeptiert. Er passte sich der Familie an, indem er die täglichen Gepflogenheiten übernahm, und alle gingen freundlich miteinander um.

Echter Alltag

Nach einigen Wochen begann dann der echte Alltag. Wir hatten uns aneinander gewöhnt, der erste Schwung hörte auf, und die ersten Krisen fingen an. Die Erwartungshaltung an unseren Gast waren groß: Nun, nach sechs Wochen, müsste er doch schon alles kennen, verstehen, und richtig machen.

Der aber hatte zwar die erste Phase der Anpassung im Mimikri, nach dem Motto „bloß nicht auffallen“, überstanden, mehr aber noch nicht. Und dann stellen sich doch die ersten Reibungspunkte ein.

Mit dem Fahrrad zur Schule

Für den Weg zur Schule hatten wir für ihn ein Fahrrad bereitgestellt. Keine gute Idee, wie wir dann merkten, denn Davit war mit diesem Gerät kaum vertraut. Aber, hoch motiviert, meisterte er fast jede bedrohliche Schieflage.

Auch Verkehrsregeln und Straßenschilder kannte er kaum. Als er mir eines Tage mitten auf der Straße entgegen fuhr, holten wir diese Lektion schnell nach. Aus schlichter Nachlässigkeit hatten wir vergessen, mit ihm darüber zu sprechen. Es schien uns so selbstverständlich, dass ein 15-Jähriger sie beherrscht.

Nun war mir klar, dass es zwischen uns noch viele ungeklärte Fragen gab. Oft mochte Davit nicht fragen oder um eine Erklärung bitten, denn wenn ich ihm Dinge des Alltags erklärte, die für ihn neu waren, dann gab es Unmut bei meinen Kindern: „Warum muss er denn schon wieder etwas erklärt haben…“ oder „Was du da erzählst, das weiß doch jeder!“

Aufschlussreiche Gespräche

Durch die Kritik gab es jedoch gute Chancen, über die Unterschiede von Davits Leben in Tiflis und unseren Alltag zu sprechen. Manchmal entstanden daraus lange Diskussionen, die oft bis in die Grundunterschiede des Lebens in den verschiedenen Gesellschaften führten.

Diese Gespräche waren für alle Beteiligten spannend, aufschlussreich und sehr interessant. Wer lernte dabei mehr? Davit oder wir als Gastfamilie?

Der Anpassungsprozess lief das ganze Jahr weiter, aber die Gesprächsthemen wechselten. In den ersten Monaten ging es um die schlichte Anpassung an unsere Lebensgewohnheiten. Durch Gespräche mussten wir zu einer Übereinstimmung kommen – zum Beispiel, wie viel Fernsehen und Spielen am Computer ist unschädlich, oder wann definieren wir Wäsche als schmutzig.

Viele Fragen über Deutschland

Als Davit sich in der Sprache und im Alltag sicher fühlte, sprachen wir viel über das Leben in Deutschland. Davit stellte nun Fragen über alles, was er sah und hörte. Wir bemühten uns, sie zu beantworten.

Aber oft waren seine Fragen uns noch nie in den Sinn gekommen: Warum wohnen die Familien in Deutschland so weit auseinander? Warum hat unsere Schule unterschiedliche Schulzweige? Warum wird im Unterricht diskutiert und wie kann man dabei lernen? Was sind Versicherungen und was ist eine Rente?

Während wir nach Erklärungen suchten, wurden uns viele Gewohnheiten und Selbstverständlichkeiten unseres Alltags bewusst, die durchaus nicht selbstverständlich waren. Deutlich wurde uns auch, wie anders Davits Leben zu Hause in Georgien abgelaufen war. Kein Wunder, dass er in den ersten Tagen bei uns schon mittags erschöpft eingeschlafen war!

Beeindruckende Entwicklung

Die Entwicklung in dem Austauschjahr war in vieler Hinsicht beeindruckend. Aus einem etwas schüchternen Jungen wurde ein selbstbewusster Jugendlicher.

Während er in den ersten Monaten nur von seiner Heimat schwärmte, überwog in der zweiten Jahreshälfte eher eine kritische Sicht. Während er anfangs nur zuhörte, fing er gegen Ende des Jahres selbst Unterhaltungen an. Während es in den ersten Gesprächen um die Suche nach einer reibungslosen Gestaltung des Alltags ging, philosophierten wir zum Ende seines Aufenthaltes über Rentensysteme und Sozialversicherungen, über Geschichte und Politik – aus einer fast schon gemeinsam zu nennenden Perspektive.

Nachdem er zehn Monate bei uns war, beschäftigten ihn dieselben Dinge, die jungen Leuten in seinem Alter hierzulande wichtig sind: Computerspiele, Musikgruppen und Freunde. Ein kleiner Streit hier und da gehörte zur normalen, geschwisterlichen Abgrenzung. Kein Zweifel – er gehörte nun richtig dazu.

Als er nach Hause fuhr, fragte ich mich, welche Fragen er nun bei seiner Familie und seinen Freunden wohl stellen würde – als nun entfremdeter Rückkehrer.

Besuch in Georgien

Fast ein Jahr später habe ich Davit in Tiflis besucht. Welch ein Wiedersehen! Eine Woche habe ich bei seiner überaus gastfreundlichen Familie in Georgien gewohnt und durch ihn eine neue Welt im Kaukasus kennen und schätzen gelernt. Wir haben eine neue Brücke zwischen den Kulturen gebaut.

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„Die Familie, die ich in Deutschland habe, ist mehr als eine Gastfamilie für mich, sie ist meine deutsche Familie.“

Luis Pablo Barragán Morales, Austauschschüler aus Mexiko