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Pilze sammeln und mit der ID-Karte Bus fahren

Anna Lanfermann, Estland

…Estland - wieso das denn?

„Was willst du denn da?“, ist wohl eine Frage, die jeden zukünftigen Austauschschüler verfolgt, wenn er nicht in eines der englisch- oder französischsprachigen Länder reist. Ein relativ unbekanntes Land – was wusste man schon über Estland -, eine fremde Sprache, die wegen ihrer 14 Fälle unerlernbar und eh nicht zu gebrauchen sei und außerdem würde ich doch bestimmt auf einer Rentierfarm ohne laufendes Wasser wohnen. Das könnte doch kein Mensch wirklich wollen. Und dann würde der Winter auch noch kalt und hart werden. Warum ging ich nicht wenigstens in den Süden, wo es warm war? So erging es zumindest mir, bevor ich mich zum ersten Mal nach Estland aufmachte. Eine Antwortvariante wäre nun: „YFU hat mich dorthin verschleppt, eigentlich wollte ich nach Finnland.“ Das wäre gar nicht mal gelogen, aber in meinem Austauschjahr lernte ich Estland so sehr lieben, dass ich mir sicher bin, dass es mich immer wieder hierhin zurück verschlagen wird.

Altes und Neues. Fortschritt und Veränderung.

Postkasten in EstlandWie oben schon angedeutet, ist eines der gängigen Vorurteile über Estland, dass es noch stark unterentwickelt sei; schließlich gehörte es bis 1991 noch zur Sowjetunion. Und tatsächlich, manchmal kann man wirklich den Eindruck erhalten, dass sich dort mancherorts seit Jahrzehnten nichts verändert hat. Natürlich wird es auch noch einige Zeit dauern, bis alle Versäumnisse und Fehler der Sowjetzeit aufgeholt und nachgebessert worden sind und Estland auf dem mitteleuropäischen Standard angelangt ist. Aber das macht es doch gerade spannend! Eigentlich hat der kleine Staat an der Ostseeküste seit der Wiedererlangung der Unabhängigkeit schon große Fortschritte gemacht und uns in manchen Bereichen sogar bereits überholt. Estland setzt nämlich stark auf elektronische Entwicklung. Man kann mit der ID-Karte Bus fahren, per Mobiltelefon seine Parkgebühren bezahlen und hat in vielen öffentlichen Bereichen kostenlosen Internetzugang.

Die Esten sind stolz auf ihre Natur

Außerdem wirbt Estland stark mit seiner Natur: den unberührten Wäldern, Mooren, Seen, Buchten und Inseln, die sich zu jeder Jahreszeit von einer anderen Seite zeigen. Wer will kann Estland immer wieder neu entdecken. Die Esten selber sind oft noch sehr naturverbunden, gehen Beeren und Pilze pflücken und machen Marmelade aus Äpfeln des eigenen Gartens. Im Kontrast dazu steht das Stadtleben. Tallinn, die Hauptstadt, wird wegen ihrer Hektik von der Landbevölkerung gemieden und nur sehr wenige Esten haben bemerkt, dass 400.000 Einwohner allein keine Metropole machen.

Tanzen, Singen, Sauna und Kältefrei

Traditionelle Veranstaltung in EstlandDie Esten legen sehr viel Wert auf ihre Kultur. Es wird gesungen, getanzt, Theater gespielt und viele Handarbeiten werden angefertigt. Was will man im Winter auch anderes tun, wenn man von der Schule Kältefrei bekommen hat und es noch nicht an der Zeit ist, in die Sauna zu gehen? Bleibt noch der Sport: Skilanglauf, Snowboard oder Schlittschuhfahren auf dem Dorfteich, bevor der Schnee schmilzt und man in einem der Seen oder dem Meer schwimmen und in den Wäldern joggen gehen kann. Obwohl - Verzeihung - einen richtigen Esten halten natürlich auch Minusgrade und glatte Wege nicht vom Laufen ab! Der durchschnittliche Este mag verschlossen und abweisend wirken, hat man ihn sich aber einmal zum Freund gemacht, so erhält man einen guten und treuen Weggefährten, von dem man so einiges lernen kann.

Es gibt so viel zu erzählen…

Natürlich ist das noch längst nicht alles, was es über Estland zu erzählen gibt. 24 Stunden Sonnenlicht am Johannestag, Blutwurst zu Weihnachten, O-Busse, 7 Tage die Woche geöffnete Läden, Konflikte mit den ca. 25% russischstämmiger Bevölkerung, Schlittenfahrtag, Volksblume, -vogel, -stein und –instrument, zwielichtige Märkte, der Setu-Volksstamm, der Große Eierberg, endlose Plattenbausiedlungen…

Estland mag ein kleines Land sein und das lässt es sehr familiär wirken. Gleichzeitig ist es aber sehr vielseitig und immer wieder einen Besuch wert!

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„Es war anders - und noch besser, als ich dachte!“

Anika Schachtschneider
Austauschjahr in Kroatien