
„Sklavenmarkt“, Sommerhaus und Schnee
Sina Krüger, Finnland
Mein Austauschjahr begann mit einem „Sklavenmarkt“: Alle Neuen, also Elftklässler, wurden an Zwölftklässler versteigert. Kein Grund zur Beunruhigung – das ist üblich in finnischen Lukios (entspricht unserer Oberstufe).
Während die Älteren die Jüngeren verkleideten und andere mehr oder weniger witzige Dinge mit ihnen anstellten, kam man sich näher – und am Ende war man in die Gemeinschaft der Schule aufgenommen.
Kurse für Kenner
Zu meinen Lehrern hatte ich ein sehr gutes Verhältnis, alle waren total hilfsbereit. Meine Psychologielehrerin verbrachte die Hälfte des Unterrichts damit, mir auf Englisch zu erklären, worum es ging, weil sie wusste, dass mich das Fach sehr interessiert. Kurzfristige Kurswechsel in so interessante Kurse wie Theater und Fotografie waren kein Problem und niemand erwartete, dass ich das komplizierte Kurswahlsystem verstand.
Schweigende Verständigung
Natürlich gab es auch Probleme. Die Finnen sind, gelinde gesagt, schweigsam und Freundschaften aufbauen war daher zu Anfang schwierig. Aber es gab einen Menschen, der pausenlos mit mir reden wollte: meine sechsjährige Gastschwester. Sie erzählte mir viele schöne Dinge. Leider in einer Sprache, die mit ihren 15 Fällen, Stufenwechsel und anderen Nettigkeiten in den ersten Wochen völlig unverständlich ist. Ich habe mich wirklich gefragt, wie die Finnen es schaffen, einander zu verstehen!
Es geht aufwärts
Bis heute weiß ich immer noch nicht wie, aber um Weihnachten herum beherrschte ich die Sprache einigermaßen fließend. Die Beziehung zu meiner Gastschwester Julia und dem achtjährigen Bruder Juho wurde viel einfacher und ich habe in der Schule Anschluss gefunden. „Wer Finnisch lernen kann, kann alles lernen“, dieses Motto gibt mir noch heute Motivation für vieles.
Kalter Winter
Wie ist Finnland? Kalt. Jedenfalls von Oktober bis März im südlichen Helsinki.
Das bedeutet unter anderem, dass man im Stadtpark Skilaufen konnte, was mein Gastvater mitunter sechs Stunden am Stück tat. „Stadtpark“ ist für unsere Begriffe nicht das richtige Wort – ich hätte das ganze als Wald bezeichnet, in dem ich mich auch das ein oder andere Mal verlaufen habe.
Beerensammeln im Unterholz
Aber Wälder sind dort ja wieder etwas anderes als hier. Beim Beerensammeln verließen mein Gastvater, Gastonkel und ich den Weg und stolperten in Gummistiefeln stundenlang durchs Unterholz, wobei ich es für ein Wunder hielt, dass mein Gastvater ohne Probleme zurück zum Auto fand. Das war im Sommer.
Sommer! Endlich!
Der finnische Sommer ist herrlich, wenn man ab und zu auf seinen Schlaf verzichten kann. Dann geht man um halb zwölf im Sonnenuntergang mit dem Hund spazieren und trinkt danach noch Kaffee. Wer ein Mökki – ein Sommerhaus – hat, wie fast alle dort, verbringt die Tage zur Hälfte in der Sauna und zur anderen Hälfte beim Schwimmen im See.
Heimweh nach Finnland
Vieles aus meiner zweiten Heimat habe ich noch nicht erwähnt. Zum Beispiel all diese Kleinigkeiten, die ich zu Anfang witzig oder unverständlich fand und die mir jetzt so normal und alltäglich vorkommen. Noch jetzt – vier Monate nach meiner Rückkehr nach Deutschland – strecke ich manchmal den Arm aus, wenn ich an der Bushaltestelle stehe, um dem Busfahrer zu zeigen, dass ich einsteigen will.
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