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Von vielen Geschwistern und geklauten Toiletten

Evelin Stebner, Japan

1992, ich war gerade eingeschult worden, erfasste mich ein starkes Fieber. Aber keine Angst. Keine Krankheit. Jeden Freitag um 14.25 Uhr musste ich zu Hause sein. Jeden Freitag musste ich im ZDF eine Serie sehen: „Sailor Moon“, ein japanisches Anime. Und diese Serie war für mich eine Art Anlass, mich mehr oder weniger spontan bei YFU zu bewerben. Für Japan.

Japan – das Land, aus dem Anime und Manga kommen. Also auch „Sailor Moon“, „Dragonball“ und andere. Japan – das Land der aufgehenden Sonne und des ewigen Lächelns.

Es ist schon komisch. 15 Jahre lang lebt man hier in Deutschland. Man denkt nicht weiter über das eigene Leben und die Kultur nach. Und auf einmal wird man in etwas hinein geschubst, was einem eine ganz neue Perspektive aufzeigt. Interkultureller Schüleraustausch.

Alles ganz anders!

Nachdenken über kulturelle Unterschiede ist etwas wichtiges. Besonders in einer so ganz anderen Kultur wie der japanischen. Es sind die kleinen Dinge, die ein Austauschjahr in einem Land wie Japan besonders machen.

Man stelle sich nur mal vor: Alle Menschen sind schwarzhaarig. Nur du allein bist blond. Und das zehn Monate lang. Man wird immer und überall erkannt. Auf der Straße, im Supermarkt, in der Nachbarschaft, in der Schule.

Zu Hause in Japan

Nicht nur außerhalb des Hauses war alles anders. Auch bei meinen Gastfamilien. Alle meine Gastfamilien hatten ein kleines Haus. Sowohl etwas weiter am Rande der Stadt als auch direkt in der Innenstadt. Es gab Dinge, die waren bei allen gleich: Tatami-Raum (tatami = Reisstrohmatten), Küche, Bad, Toilette mit Kloschuhen, andere Räume. Aber es gab trotzdem auch bei jeder Familie kleinere Unterschiede, die mir auffielen.

Meistens hatte ich ältere Gastgeschwister. Jeweils zwei. Aber dann hatte ich plötzlich drei Gastgeschwister. Alle jünger als ich. Da war ich nicht nur in einer anderen Kultur. Auf einmal war ich auch noch die große Schwester. Eine Art Bezugsperson. Ich habe meinen Geschwistern teilweise sogar mit ihren Hausaufgaben geholfen.

Toilette geklaut?

Schon solche kleinen Dinge machen ein Jahr im Ausland unvergesslich. Aber auch das Erlebnis einer echten japanischen Toilette ist unglaublich. Die Washiki hat mich in Tôkyô mehr als geschockt. Meine beiden Freundinnen hatten westliche Toiletten. Und ich? Ich machte die Kabinentür auf und sah dieses Loch im Boden.

Hatte da etwa jemand eine ganze Toilette vom Tôkyôter Flughafen Narita geklaut? Dann die Ernüchterung. Nein. Das sind traditionelle Toiletten in Japan. Die gibt es an allen öffentlichen Plätzen. Überall. Ab und zu ist mal eine westliche Toilette mit dabei.

So ist das auch in der Schule. Ich hatte irgendwann keine Lust mehr, durch das ganze Schulgebäude zu rennen. Nur für eine westliche Toilette. Irgendwann hatte ich mich auch an die japanischen Toiletten gewöhnt.

Karierter Rock und weiße Bluse

Und irgendwann hatte ich mich auch an meine Schuluniform gewöhnt. Karierter Rock, weiße Bluse, Sweater in beige, blaue Jacke mit dem Schulwappen, wo immer drauf stand: „Sanyo. Glory to our school“. Schuluniform ist etwas, womit man sich in Japan identifiziert. Eine Art Markenzeichen. Wenn man durch die Stadt geht, wird man als Schüler einer bestimmten Schule erkannt.

Man hat eine Art Repräsentantenfunktion übernommen. Aber es ist nicht nur das – sieht man andere Schüler in der gleichen Uniform, grüßt man sie ganz automatisch. Sie sind halt auch von der eigenen Schule.

Hai! Chiizu! (Bitte lächeln!)

An Wochenenden war ich meist mit meinen Freunden in der Innenstadt Hiroshimas. Wir sind dann immer die lange Einkaufsstraße hoch und runter gegangen. Und an fast jedem Pulikula-Geschäft machten wir halt. Jetzt natürlich die Frage: Was ist Pulikula? Pulikula ist die Abkürzung für „Print Club“. Im Grunde werden da in kleinen Fotokabinen Sticker-Photos (auch: Pulikula) geschossen. Aber nicht so plump wie in Deutschland.

Zuerst war natürlich die Frage nach der Kabine. War dies erledigt, ging es ans Photos schießen. Das war immer ein Spaß. Aber Hallo! Faxen machen – Grimassen schneiden – einfach nur freundlich oder unschuldig drein schauen. Als nächstes kam die Auswahl der Photos. Und dann der eigentliche Spaß: das Verzieren der Bilder. Kommentare drauf schreiben. Kleine Bilder mit rein setzen. Einfach nur rumkritzeln. Das war immer das größte Abenteuer.

Witzige Erinnerungen

Von jedem Shoppingtag habe ich im Grunde Pulikula. Eine Art Hobby, muss ich zugeben. Aber ich stehe dazu. Denn dieses Hobby hat mir ein kleines Buch beschert. Und in diesem kleinen Buch sind alle meine Pulikula eingeklebt und perfide genau beschriftet. Mit wem ich wann wo was gemacht habe.

Diese kleinen Photos kann ich immer und über all mit hin nehmen. Und dann kann ich erzählen… Von meinen Familien. Meinen Geschwistern. Meinem wunderbaren Einblick in eine wunderbare japanische Kultur. Von meiner Stadt…

Kurz: Ich erzähle von Japan, vielen Geschwistern und geklauten Toiletten!

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„Während ich am Anfang noch zweifelte, ob es die richtige Entscheidung war, mein Jahr hier in Riga, Lettland zu verbringen, bin ich mir jetzt sicher, dass es eine der besten Entscheidungen war, die ich je getroffen habe.“

Jana Wieser
Austauschjahr in Lettland