
Wo Menschen auf der Straße singen
Lisa Eidens, Lettland
Angefangen hat alles am Flughafen von Riga. Dort wurde ich von meiner Gastfamilie abgeholt. Die Sprache kannte ich so gut wie gar nicht; selbst das lettische Wort für hallo – sveiki – habe ich falsch ausgesprochen.
Aufgehört hat alles auch wieder am Flughafen. Diesmal war meine Aussprache richtig, bloß konnte man mich, als ich verheult dastand und mich gar nicht verabschieden wollte, kaum verstehen.
Während des Austauschjahres hatte ich Lettland und die Letten zu sehr kennen und lieben gelernt, als dass ein Abschied ohne Tränen möglich gewesen wäre.
Zuhause in Ikskile
Für ein Jahr war mein Zuhause in Ikskile, einer Kleinstadt etwa 25 Kilometer östlich von Riga. In meiner neuen Familie wurde ich sehr herzlich aufgenommen. Meine Gastfamilie nahm mich überall mit hin: ins Kino, ins Theater, zu Konzerten und in die Oper.
Ich war überwältigt davon, wie viel selbst in Ikskile, das nur 15.000 Einwohner hat, los war. In Lettland spielt Musik eine sehr wichtige Rolle. Gerade traditionelle Musik ist dort noch lebendig. Es heißt, jeder Lette habe sein eigenes Volkslied – das stimmt wohl nicht ganz, aber über 300.000 Volkslieder sind schriftlich festgehalten.
Blumen für die Klassenlehrerin
Schule in Lettland ist ganz anders als in Deutschland. Am Abend vor meinem ersten Schultag fragte mich meine Gastmutter, ob ich „feine Kleidung“ habe; schließlich sei dies ein besonderer Tag. Allzu verwundert war ich nicht, denn davon hatte ich bei der Vorbereitungstagung von YFU schon gehört.
Am nächsten Morgen drückte meine Gastmutter meinen Gastschwestern und mir einen Blumenstrauß in die Hand, „für die Klassenlehrerin“. Ich sah zum ersten Mal meine Klassenkameraden, konnte mich aber kaum mit ihnen unterhalten, da alle angestrengt zuhörten und ich kaum etwas verstand.
Schließlich war der Unterricht zu Ende und ich sah, wie die anderen Schüler zur Klassenlehrerin gingen und ihr Blumen gaben. Das tat auch ich und stellte mich vor.
Klassenfahrt in Holzhütten
Jeden Tag hatte ich zwischen fünf und zehn Unterrichtsstunden. Mittagessen gab es in der Schule und daher verbrachte ich einen Großteil meiner Zeit dort. Zusätzlich war ich im Schulchor, der teilweise bis in den Abend hinein Proben hatte, und so fand ich schnell Kontakt zu meinen Mitschülern. Wir hatten fast immer gemeinsam Unterricht und kaum gemischte Kurse.
Zweimal fuhr die Klasse auf „Exkursion“, eine Art kurze Klassenfahrt (eine Übernachtung) mit vielen Besichtigungen und Führungen. Jugendherbergen im klassischen Sinn gibt es nicht und so übernachteten wir in Holzhütten, die meistens mitten im Wald stehen – dort, wo keiner sie vermutet.
Die seltene Gelegenheit, sich einmal außerhalb des Unterrichts mit der ganzen Klasse zu treffen, musste gefeiert werden – die Betten in den Holzhütten waren überflüssig, weil sowieso keiner schlafen wollte.
Wochenende in der „Datscha“
Ab und zu traf ich mich auch mit einigen Freunden in unserer „Datscha“, einem Wochenendhaus, das selbst die ärmste Familie in Lettland besitzt. Die meisten sind selbst gebaut und von so großer Wichtigkeit für die Familien, dass man selbst im Winter bei minus 20 Grad die Wochenenden dort verbringt.
„Unsere“ Datscha steht am Meer, und als ich das erste Mal dorthin fuhr, war ich überwältigt von der Schönheit des Strandes. In Lettland ist die Küste an vielen Stellen kilometerlang so gut wie unberührt, und direkt am Strand stehen dichte, buschige Wälder. Dort wachsen die verschiedensten Arten von Pilzen und Beeren und wir waren oft stundenlang dort, um diese zu sammeln.
Aus Lebensfreude singen
Armut ist in Lettland ein großes Problem. Trotz dieser Armut haben die Letten ihre Lebensfreude nicht verloren. Man begegnet kaum einem Menschen, der schlecht gelaunt durch die Straßen geht. Mir selbst ist es oft passiert, dass ich mitten in der Stadt anfing zu singen, weil mir gerade danach war – nicht laut, aber fröhlich.
Laut gesungen wurde dann am 23. Juni, dem Abend vor Johanni (der Namenstag von Johannes, im Lettischen Janis), als wir mit Blumenkränzen geschmückt durch die Nacht liefen, um gemeinsam den Sommer und das Sonnenwendfest zu feiern.
Abschied am Flughafen
Gesungen wurde auch beim Abschied am Flughafen – alle Austauschschüler mit ihren Gastfamilien waren dort. Selbst meine Gastschwester, die ich nie vorher hatte weinen sehen, konnte sich nicht mehr beherrschen. Ich wusste schon an diesem Tag: Ich komme zurück nach Lettland – und zwar so schnell wie möglich!
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