
Mein Jahr in Lezajsk
Willi Paschke, Polen
Die Entscheidung war gefallen: Ich würde mein Austauschjahr in Lezajsk, einer Kleinstadt im Südosten Polens, verbringen. Noch vier andere Jugendliche in meinem Alter entschieden sich, für ein Jahr mit YFU nach Polen zu gehen.
Sprachkurs in Poznan
Doch bevor „das Abenteuer“ wirklich begann, hatten wir drei Wochen lang Kurse in Poznan, die uns auf unser Jahr vorbereiten sollten. In dieser Zeit waren wir in einer anderen Gastfamilie untergebracht.
Am Anfang der drei Wochen hatten wir einleitende Kurse über die Kultur und Gewohnheiten, die wir in Polen vorfinden würden. Danach hatten wir Sprachkurse und bekamen einen Einblick in die Sprache, die keiner von uns konnte.
Nach den drei Wochen hatte ich keine Lust noch einmal die Gastfamilie zu wechseln, weil es mir so toll dort gefiel.
Mein neues Zuhause
Auf der neunstündigen Zugfahrt von Poznan nach Lezajsk wurde ich von einem YFU-Mitarbeiter begleitet. Dort wartete meine neue Gastfamilie auf mich. Die erste Begrüßung und der erste Händedruck waren sehr ungewöhnlich, immerhin sollte ich bei der mir völlig fremden Familie ein ganzes Jahr bleiben.
Als wir bei meinem zukünftigen Zuhause angekommen waren stellte ich fest, dass die Gastfamilie in einem großen Haus wohnt. Danach zeigte mir meine Gastschwester mein Zimmer. Es war zwar kleiner als meins in Deutschland, doch ich fand es nicht schlecht.
Am nächsten Tag lernte ich die Stadt etwas kennen, da wir einige Sachen dort zu erledigen hatten. Ich stellte fest, dass es sich um eine schöne Stadt mit vielen kleinen Läden handelt. Es fiel mir aber in den ersten Tagen sehr schwer, Kontakte zu knüpfen, da ich große Verständigungsprobleme hatte.
Der erste Schultag
Der erste Schultag in Polen ist ein ganz besonderer Tag. Alle Schüler sind sehr elegant gekleidet und alles wirkte sehr offiziell auf mich. Ich fühlte mich sehr komisch, da ich von allen angeguckt und „bestaunt“ wurde. Nach meiner Vorstellung wurde ich dann im Korridor geradezu mit Fragen von Mitschülern bombardiert.
Ich war erst der zweite Gastschüler aus dem Ausland, der diese Schule besuchte. Im Jahr davor war ein Amerikaner zum Austausch da gewesen. Ich freute mich sehr, dass meine Mitschüler so interessiert an mir waren, und hoffte daher, schnell Freunde zu finden.
Am nächsten Tag ging es dann in der Schule mit dem Unterricht los. Ich bekam natürlich kaum etwas mit und mir wurde bewusst, dass ich so schnell wie möglich Polnisch lernen musste.
Ich beschloss, ab jetzt mit meiner Gastschwester so viel wie möglich auf Polnisch zu reden, so gut das eben möglich war.
Nach ein paar Tagen konnte ich erste kleinere Gespräche mit meinen Gasteltern führen. Das war natürlich gut für den persönlichen Kontakt. Trotzdem fühlte ich mich immer noch wie zu Gast bei ihnen.
In der Schule wurde ich wirklich sehr fair behandelt. Die Lehrer nahmen darauf Rücksicht, dass ich die Sprache noch nicht beherrschte. So musste ich am Anfang noch keine Kontrollen mitschreiben. Aber ich versuchte in jedem Fach, so gut wie möglich Mitschriften zu führen.
Die ersten Wochen vergingen wirklich sehr mühsam und ich fühlte mich noch nicht involviert in das Leben, natürlich hauptsächlich wegen der Sprachbarriere. Es fiel mir sehr schwer, Kontakte zu meinen Mitschülern zu knüpfen, obwohl wir uns nach der Schule schon öfters trafen. In dieser Zeit plagte mich auch das Heimweh, obwohl ich gewusst hatte, dass es am Anfang sehr schwer für mich werden würde.
Erste Freundschaften
Doch je länger das Jahr andauerte, umso besser gefiel es mir und umso mehr lernte ich die Sprache. Ich begann, erste Freundschaften mit Mitschülern zu schließen und auch am Wochenende war ich nicht mehr nur zu Hause. Meine Gastschwester war mir dabei gerade am Anfang sehr behilflich. Sie nahm mich fast überall mit hin und fragte auch Leute aus unserer Klasse (meine Gastschwester ging mit mir in eine Klasse), ob wir nicht etwas gemeinsam unternehmen könnten.
Mit meiner Gastfamilie kam ich auch immer besser zurecht. Ich gewöhnte mich an die Regeln, die in meiner neuen Familie herrschten. Auch menschlich verstand ich mich mit meinen Gasteltern immer besser.
Weihnachten und Silvester
Zu Weihnachten hatten wir dann unsere ersten Ferien. Das war mein erstes Weihnachten ohne meine Familie. Das war schon sehr merkwürdig. Doch kam ich so meinen Gasteltern wieder näher und fühlte mich integrierter als zuvor. Eine interessante Erfahrung war der Heiligabend in Polen mit ganz anderen Sitten und Traditionen. Silvester verbrachte ich auf einer von Freunden organisierten Feier.
In den kommenden Wochen und Monaten des neuen Jahres wurde ich von den Lehrern schon deutlich mehr gefordert. Da es noch sehr kalt war, konnte man noch nicht soviel mit Freunden unternehmen. Daher verbrachte ich die meiste Zeit zu Hause, mit Fernsehen gucken, lesen oder lernen für die Schule.
Erst als es draußen wieder wärmer wurde, unternahm ich wieder mehr mit meinen Freunden. Ich begann außerdem bei einem Verein Fußball zu spielen .
Nach der Schule traf ich mich nun fast jeden Tag mit Freunden und wir spielten Fußball, gingen in einen Pub, um was zu trinken und zu quatschen, zum Beispiel über mein Leben in Deutschland. Wir spielten auch bei einem Freund Computer oder schauten Filme.
Am Wochenende ging ich mit Freunden in die Disco oder wir unternahmen etwas gemeinsam. Ich fühlte mich Tag für Tag integrierter in das Leben.
Die letzten Wochen
Nach den Osterferien wurde mir bewusst, dass sich mein Jahr schon dem Ende zuneigte. Ich fühlte mich nun wirklich wie zu Hause, hatte Freunde gefunden und war ein vollwertiges Mitglied in meiner neuen Familie. In der Schule konnte ich dem Unterricht gut folgen und mit der Sprache hatte ich keine großen Probleme mehr.
Ich hatte meine zweite Heimat gefunden und fühlte mich wirklich wohl. Doch nun ging diese Zeit zu Ende. Die letzten Tage in Lezajsk waren sehr schwer für mich. Auf der einen Seite freute ich mich natürlich, dass ich bald meine Familie und meine Freunde wieder sehen werde. Doch auf der anderen Seite war ich sehr traurig, Lezajsk wieder verlassen zu müssen, wo ich mich doch gerade an alles gewöhnt hatte.
Wenn ich die Chance gehabt hätte, noch länger dort zu bleiben, dann hätte ich sie sicher genutzt. Doch ich hatte keine Wahl und so musste ich noch vor den Sommerferien meine zweite Heimat verlassen. Der Abschied mit meiner Gastfamilie war sehr bewegend. Wir waren alle sehr traurig, auch wenn wir wussten, dass wir uns irgendwann wieder sehen werden.
Young Europeans’ Seminar (YES)
Nachdem ich von meinen Gasteltern Abschied genommen hatte, ging es mit dem Zug in Richtung Berlin, denn dort fand noch die Abschiedsveranstaltung YES statt. Vier Tage lang werteten wir mit vielen anderen Austauschschülern aus ganz Europa unsere Erlebnisse und Erfahrungen aus.
Am letzten Tag holten mich meine Eltern ab. Als ich sie das erste Mal wieder sah, konnte ich es nicht fassen zu sehen, dass ich sie ganz anders in Erinnerung hatte. In diesem Moment war ich den Tränen wirklich sehr nahe. Ein ganzes Jahr lang hatten wir uns nicht gesehen und nun standen sie vor mir.
Ich dachte, dass wir uns am Anfang so viel zu erzählen hatten, doch irgendwie war es ganz anders. Ich möchte nicht sagen, dass wir uns wie fremde Menschen gegenüber standen, aber ein bisschen entfremdet waren wir am Anfang doch. Aber das legte sich in den nächsten Tagen und Wochen wieder.
Eingewöhnen in Deutschland
Die Eingewöhnung verlief für mich relativ gut. Ich war wirklich froh, dass einige „alte“ Freunde mich noch kannten und ich nicht ganz alleine war. Doch die ersten ein, zwei Wochen brauchte ich schon, um mich wieder an meine „eigentliche Heimat“ zu gewöhnen.
Jetzt, ungefähr drei Monate später, kann ich mit viel Stolz auf mein Jahr zurückblicken. Ich habe eine neue Kultur und neue Menschen kennen gelernt, eine neue Sprache gelernt, mein Selbstbewusstsein gestärkt und viele Erfahrungen gemacht, die einfach unbezahlbar sind. Jedem, der die Chance hat, ein Jahr als Austauschschüler im Ausland zu verbringen – egal wo – kann ich nur raten, diese Chance zu nutzen!
Wiedersehen in Polen
In der Zwischenzeit hat mich meine Gastschwester schon in Cottbus besucht und ich konnte ihr mein Zuhause zeigen. In meinen Herbstferien war ich eine Woche in Lezajsk. Es war wirklich sehr schön, meine Gastfamilie und alle meine Freunde wiederzusehen.
Nicht ohne Stolz möchte ich auch davon berichten, dass ich wegen meinem Austauschjahr in Polen auch schon ein bisschen Bekanntheit erlangt habe. Die regionale Zeitung „Lausitzer Rundschau“ veröffentlichte vor kurzem einen großen Artikel über mein Austauschjahr in Polen.
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