
Improvisationsgabe und Familienzusammenhalt
Martin Fischer, Russland
Eines der unverwüstlichen Attribute, das im Zusammenhang mit Russland unweigerlich auftritt, ist die weite russische Seele, die Gastfreundschaft und Gutherzigkeit der einfachen russischen Menschen, die die simplen Seiten des Lebens zu schätzen und zu genießen wissen.
Wie so viele Klischees hat auch dieses einen wahren Kern, aber mehr noch als mit Russland hat dieses Bild etwas damit zu tun, wie wir Deutschen Russland sehen wollen.
Zwei Bilder von Russland
In Deutschland gibt es, wie jemand einmal gesagt hat, nur zwei Bilder von Russland: Um 20:00 Uhr das Russland der Tagesschau, in dem Rentnerinnen ein Leben am Rande des Existenzminimums fristen und Bergarbeiter in hoffnungslos veralteten Kohleschächten ums Leben kommen; und um 20:15 Uhr das Russland der Sibirien-Reportagen Gerd Ruges, in denen einfache russische Menschen inmitten wunderschöner Taigalandschaften gastfreundlich und gutherzig die simplen Seiten des Lebens zu schätzen und zu genießen wissen – siehe oben.
Wie so oft liegt die Wirklichkeit irgendwo dazwischen, aber eines steht fest: Man muss bereit sein, sich in dieses Land zu verlieben, wenn man ein Jahr in ihm leben will.
Kyrillische Schrift und Fell-Schapkas
Ich habe gut in ihm gelebt, aber ich war auch bereit, dies zu wollen – so einfach können Überlebensrezepte sein. Heute, mehr als zwanzig Jahre nach Beginn der Perestrojka, kehrt Russland nach Europa zurück, aus dem es einerseits nie herausgefallen ist, zu dem es andererseits aber auch nie richtig dazugehört hat.
Vieles ist, gerade in den Metropolen Moskau und Petersburg, glitzernder, aufregender, westlicher als bei uns.
Läuft man durch die Straßen Moskaus, merkt man nur an der kyrillischen Schrift und an den immer noch – und hoffentlich noch lange – unvermeidlichen Fell-Schapkas, dass man nicht in London, Paris oder Berlin ist.
Speisekarte von der „dacha“
Einige hundert Kilometer weiter kann das Bild schon ganz anders und das eigene Wochenendgrundstück – die „dacha“ – der wichtigste Beitrag zur Speisekarte der Familie sein. Auch meine Gastfamilie schlug sich, grenzenlos typisch, mit einem mehr oder minder regelmäßig bezahlten Job, einem wackligen Versuch als Kleinstunternehmer und den Erträgen des eigenen Gartens durch – wo genau sie die Mittel fanden, um noch einen Austauschschüler aufzunehmen, ist mir bis heute ein Rätsel geblieben.
Improvisationsgabe und Familienzusammenhalt
Überlebenskünstler sind die Russen also bis heute, und das Weniger an Sicherheit und Stabilität, das das postsowjetische Leben im Vergleich zu Westeuropa auch heute noch aufweist, gleichen sie mit einem Mehr an Improvisationsgabe und Familienzusammenhalt aus. Vieles an Russland wirkt, wenn ich mit etwas Abstand darüber nachdenke, sehr fremd. Familienzusammenhalt, das heißt auch: mehr Regeln für Jugendliche als in Deutschland – aber wo wäre das eigentlich nicht so? Improvisationsgabe, das heißt auch: weniger Planbarkeit als in Deutschland – aber wo wäre das eigentlich nicht so?
Ein enges Verhältnis zur Natur, das mir als Städter der vierten Generation völlig abgeht; hunderttausende Volkslieder und Schlager, die jeder Russe im Schlafe auswendig singen und mit der Gitarre begleiten kann; und vieles, vieles mehr. Aber all dies hält dir einen Spiegel vor, und du lernst Neues kennen, vor allem neue Herangehensweisen.
Positives Deutschlandbild
Nur in wenigen Ländern habe ich ein so ehrliches, im positiven Sinn voreingenommenes Interesse an mir erlebt wie hier. Das Deutschlandbild in Russland ist ganz ähnlich wie das Russlandbild in Deutschland – einerseits mystifiziert und beschönigt, andererseits verzerrt.
Anders als im umgekehrten Falle überwiegen aber unendlich die positiven Seiten, und kaum einem Volk wird in Russland so viel Achtung entgegengebracht wie den Deutschen – ob man das als skeptisch über die eigene Geschichte denkender, sechzehnjähriger Schüler nun will oder nicht.
Mach dir selbst ein Bild!
Warum ist es so wichtig, Russland lieben zu wollen, wenn man ein Jahr in ihm leben will? Ich habe bis heute von dem, was Russland ausmacht und wie seine Menschen denken, vieles nicht verstanden, aber ich war immer bereit, es zu akzeptieren und die guten Seiten zu sehen.
Bereits vor vielen Jahren habe ich mich für das Russland entschieden, das um 20:15 Uhr im Fernsehen kommt, und ich kenne viele Menschen, denen es genauso geht.
Wenn du dazu gehörst, solltest du morgen unbedingt deine Bewerbungsunterlagen ausfüllen. Denn nur in Russland selbst kannst du dir ein Bild über beide Seiten, 20:00 Uhr und 20:15 Uhr, machen!
Zurück zu Erfahrungsberichte Russland
© 2005-2011 Deutsches Youth For Understanding Komitee e.V.
