
Ein Verb statt drei Sätzen und Puschkin im Original
Theresa Sünder, Russland
Wärme in jeder Hinsicht
Mit den ersten Schritten aus dem Flugzeug in Krasnodar wehte mir erst einmal ein heißer Wind ins Gesicht. Im Süden Russlands war Ende August noch Hochsommer. Mein Austauschjahr in Russland verbringe ich in einer kleinen Siedlung im südlichen Teil des Landes - im Kuban, wie die Einheimischen umgangssprachlich die offizielle Krasnodar-Region nennen.
Hier im Süden findet man die berühmte winterliche Kälte Russlands, darüber hinaus gibt es die Berge des Kaukasus-Gebirges für Wanderungen, Schlammbäder und Skiurlaub; das Schwarze Meer für Schifffahrt, Fischhandel und Strandurlaub; wachsende Großstädte mit mehr Autos als Einwohnern und kleine Dörfer ohne Asphaltierung. Auf den Schnellstraßen eröffnen sich links und rechts riesige Felder für Weizen, Zuckerrohr und Mais, die den Blick auch bis zum Horizont füllen.
Multikulturelle Gastfamilie
Meine herzliche Familie in Russland mochte ich vom ersten Moment an. Ich habe drei Gastschwestern, die acht, neun und sechzehn Jahre alt sind. Mit ihnen sowie auch mit den Eltern habe ich mich auf Anhieb gut verstanden. Die ursprünglichen Wurzeln der Vorfahren liegen im alten Griechenland. Nach dem Krieg mit der Türkei wanderten sie nach Georgien aus und noch zur Zeit der UdSSR zogen die meisten der Verwandten in die Region, in der sie heute leben.
Vor allem auf den vielen Festen, zu denen auch die entferntesten Verwandten der Familie zusammenkommen, bemerkt man die Mischung der Kulturen. Dann spricht der eine Teil an der großzügig gedeckten Tafel auf unverständlichem Türkisch. Die Tante zweiten Grades erzählt über ihren zweijährigen Aufenthalt bei Russisch sprechenden Verwandten auf dem europäischen Zypern. Und die modernen Jungendlichen lachen über die russischen Schlager und Musikstars, die mehr oder weniger gut in Videoclips tanzen und singen.
Gefühle in einem Wort!
Nach sieben Monaten und vielen interessanten Missverständnissen, unterhält es sich besser auf Russisch als auf unserem guten alten Englisch. Oft kann man seine Gefühle mit einem einzigen russischen Verb für alle verständlich ausdrücken, wofür man im Deutschen vielleicht drei Sätze benötigen würde.
Das mit der Zungenspitze gerollte “R” macht sich vor allem in den herrlichen Liedern besonders schön. Allerdings ist es sogar für das ein oder andere Kind schwer auszusprechen. Und erst, wenn man Puschkins Gedichte in der Originalverfassung liest, versteht man genau, warum ihn das ganze Land bis heute verehrt.
Schule mal ganz anders
Wie in ganz Russland begann auch für mich am 1. September in weißer Bluse und schwarzem Rock der erste kurze Schultag mit einem fröhlichen Fest zur Einweihung der neuen Erstklässler und mit Glückwünschen für das kommende Schuljahr. Mit einer ungeraden Zahl von hübschen Blumen beschenkt man seine Lehrer und singt gemeinsam auf dem Schulhof drei Hymnen, die der Schule, der Krasnodar Region und Russland gewidmet sind.
Alle Kinder und Jugendliche gehen von der ersten bis zur elften Klasse in eine gemeinsame Schule, dabei ist die vierte Klasse nur für langsam lernende Kinder gedacht. So wird diese von den meisten einfach übersprungen. Alle Schüler haben um ein Uhr Schulschluss, wem allerdings der gewöhnliche Unterricht nicht ausreicht, besucht nachmittags noch zusätzliche freiwillige Stunden. Oft arbeiten die Lehrerinnen und Lehrer bis sechs Uhr in ihren Klassenräumen und beantworten eventuell offen gebliebene Fragen.
Die Neun- bis Elftklässler kommen auch samstags zum Unterricht, um sich auf die schwierigen Examen vorzubereiten. Allerdings sind dann die Hälfte der Stühle nicht besetzt. Das Verhältnis zwischen Lehrern und ihren Schülern ist ein anderes, nicht klischeebehaftet und weniger distanziert. Man feiert ein Fest zum Tag der Lehrer, umarmt sich, und zum Geburtstag kommen auch Schüler aus anderen Klassen, um kleine Aufmerksamkeiten zu verschenken.
So viel zu entdecken!
Schon jetzt kann ich sagen, dass mein Jahr sich nicht dem Ende zuneigt, sondern dass zurück in Deutschland erst alles anfängt. Mit Hoffnungen von einem schnellen Besuch wieder im schönen Kuban. Russland ist für mich ein Land voller Kontraste und Widersprüche, voller Geschichte und Moderne, voller Einfach- und Vielfältigkeit, die es zu entdecken und schätzen gilt.
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