
Vokalharmonie, Kaffeesatz und Döner ohne Soße
Johanna Munzel, Austtauschjahr Südafrika, Europäischer Freiwilligendienst bei YFU Türkiye in Ankara
Du willst die türkische Kultur kennen lernen? Dafür musst du doch nicht in die Türkei fahren, geh doch nach Berlin-Kreuzberg, da gibt es genug türkisches Leben!
Ja, solche Kommentare erwarteten mich, als ich erzählte, dass ich für acht Monate in der Türkei leben möchte. Ich wollte herausfinden, wie Türken in der Türkei leben und erleben, wie vielfältig und anders es hier doch ist!
Anders als man denkt!
In den Innenstädten von Ankara, I.stanbul und I.zmir ist die Kopftuchrate bedeutend geringer als in Kreuzberg und Neukölln, dafür die Quote der Anzugträger höher als im Frankfurter Bankenviertel. Mit der Metro, dem Bus oder Dolmus, (“Voll”) Minibus-Taxi kommt man schnell in die Innenstädte, die am Wochenende voller junger Leute sind, die shoppen, essen gehen oder einfach nur Freunde treffen; kein großer Unterschied zu unserem Leben, oder?
Das Schulsystem allerdings ist strikter als in Deutschland. Hier werden Uniformen getragen und aufgestanden, wenn man dem Lehrer antwortet. Gruppenarbeit und Diskussionen sind genauso fehl am Platz wie mündliche Noten.
Der Vater der Türken
Als ständiger Begleiter ziert das Portrait von Mustafa Kemal Atatürk - dem Vater der Türken - jeden Schulflur und wacht über jedem Schreibtisch eines Lehrers und Beamten. Oft prangt auch ein berühmtes Zitat von ihm über dem Schultor: Ne mutlu Türküm diyene (Glücklich ist der, der sagen kann, ich bin Türke).
Als Deutsche ist mir dieser Personenkult ein bisschen unheimlich, auch da er mit einer starken Präsens des Militärs einhergeht, man sollte jedoch bedenken, dass Atatürk vor 85 Jahren die moderne, westlich orientierte Türkische Republik schuf. Er reformierte u.a. das Rechts- und Bildungssystem, stellte Frau und Mann gleich und ersetzte die osmanische Schrift durch lateinische Buchstaben. Das sollte den Erwerb der türkischen Sprache erleichtern, wäre da nicht diese verflixte Grammatik, die zwar fast frei von Ausnahmen ist, aber auch eine Vokalharmonie besitzt, die Wörter nach dem Klang der Vokale bildet; so muss nach einem e ein i folgen, nach ö ein ü. Gerade deshalb hat Türkisch für mich einen wunderschönen weichen Klang.
Reich ist die Sprache an Redewendungen, so wünscht man sich z.B. nach dem Duschen s?hhatler olsun (Sei guter Gesundheit); oder nach einem erfolgreichen Einkauf güle güle kullan (gebrauche es mit Lachen).
Aberglaube
Zu diesen Redewendungen passt die Abergläubigkeit vieler Türken: In beinahe jedem Raum hängt ein Nazar, das blaue Auge, das vor Unglück schützen soll.
An meinem ersten Tag in Ankara wurde mir nach dem Genuss eines türkischen Kaffees aus dem Kaffeesatz gelesen und eine interessante Zeit in der Türkei vorausgesagt, aber natürlich auch vor einer Person gewarnt, vor der ich auf der Hut sein soll...
Dieser Person bin ich jedoch noch nicht begegnet, denn die berühmte Gastfreundschaft ist wirklich unschlagbar: Selten habe ich soviel Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft und ehrliches Interesse an meiner Person erlebt wie in der Türkei.
Döner ohne Soße und andere Leckereien!
Ein anderer hoher Stellenwert in der türkischen Kultur nimmt das Essen ein: Die türkische Küche besitzt mit der chinesischen und der französischen Küche die grösste Vielfalt. Das bedeutet auch, dass man ständig von Essen umgeben ist!
Der Simitçi läuft laut seine Ware anpreisend durch die Straßen und balanciert dabei Simit – Sesamkringel auf dem Kopf. Grosse staatliche Einrichtungen und Büros leisten sich einen Çayç?, einen Angestellten, der auf Bestellung Tee – Çay – oder türkischen Kaffee serviert. Warme Speisen werden oft mit Brot und Joghurt gegessen. Der echte türkische Döner ist übrigens ohne Sosse.
Mach Dir selbst ein Bild!
Doch all diese Beschreibungen reichen nicht aus, um sich ein Bild von der Vielfältigkeit der Türkei zu machen. Also mach Dich auf und erlebe die Türkei mit den eigenen Sinnen. Du wirst sie alle gebrauchen und mit einem wahren Schatz an Erlebnissen zurückkehren!
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