
Ein Land für Genießer
Clara Kretzschmar, Ungarn 2007/2008
Hartnäckig bleiben!
Die meisten Leute, denen ich erzählt habe, dass ich bald für ein Jahr nach Ungarn gehen werde, haben etwas seltsam reagiert. „Was willst du denn da ?”, „ Haben die dort überhaupt Internet?” Trotzdem hab ich mich nicht von meinem Plan abbringen lassen, auch wenn ich ziemlich verängstigt ins Flugzeug gestiegen bin. Gott sei Dank hat sich diese Angst aber als völlig unberechtigt erwiesen.
Ankunftsseminar
Die ersten Tage haben wir deutschen Austauschschüler an einem Ankunftsseminar in der Nähe von Budapest teilgenommen. Dadurch haben wir die anderen Austauschschüler, die aus aller Welt nach Ungarn gekommen sind auch kennen lernen können. Überall in Ungarn verstreut haben sie ihre Gastfamilien gefunden. Manche direkt in den größeren Städten wie Debrecen oder Székesfehérvár, andere in kleineren Dörfern.
Höflichkeit!
Auch wenn Ungarn in Vielem sehr westlich wirkt, gibt es ein paar Unterschiede. Zum Beispiel hat die ungarische Jugend viel Respekt vor dem Alter. Ich glaube jeder Austauschschüler in Ungarn war in den ersten Wochen etwas verzweifelt, als es darum ging, die verschiedenen Begrüßungen zu lernen. Ob man zu älteren Menschen und Lehrern „Csókolom” (Küss die Hand), besonders höflich seiend „Jó napot kivánok” (ich wünsche einen guten Tag) oder einfach nur „Szia” sagt, sind Dinge, die man nicht einfach übergehen kann und die den Kindern schon von klein auf beigebracht werden. Auch dass man viel öfters zur „Mama” (Grossmutter) fährt und sich mit ungarischen Spezialitäten vollstopft ist üblich.
Viele süße Leckereien
Essen, das ist sowieso wichtig in Ungarn! Vor Ostern sollte man zwei Tage lang lieber nichts essen, und den Magen schonen, denn dann kommt ein Festmahl, das man selten so erlebt. Den meisten Ungarn ist es auch egal, ob Du schon vor zwei Palacsintas satt warst und auf den dritten Nachschlag gerne verzichten würdest. Gastfreundlichkeit heißt eben auch, den Gästen so viele Speisen wie möglich zu servieren (die leider alle auch noch so gut schmecken, dass man schwer verzichten kann). Besonders „Süti” (also jegliches Gebäck) führt oft zu vielen, ungewolten Speckrollen. Wenn man sich in eine der „Cukrászda” (eine Mischung aus Konditorei und Café) setzt, kann man den Tag eigentlich einfach so an sich vorbeiziehen lassen und eine „Forró Csoki” (heisse Schokolade) nach der anderen bestellen.
Die ungarische Schule
Das ungarische Schulsystem mutet etwas altmodisch an. Man steht auf, wenn der Lehrer reinkommt, und in manchen Fächern wird einfach nur diktiert und aufgeschrieben. Ungarische Schüler müssen viel auswendig lernen und generell viel für die Schule tun. Trotzdem hat die Gemeinschaft innerhalb der Schule etwas Familiäres. Es gibt viele, von der Schule organisierte Ausflüge und an den Nationalfeiertagen treffen sich die Schüler mit weißer Bluse und schwarzer Hose in der Aula. Die Neulinge werden jedes Jahr mit dem „Gólya ball” begrüßt, indem ihnen von der Schule verschiedene Aufgaben aufgetragen werden, die sie dann lösen müssen. Für die Schüler ist das sicher etwas peinlich, für alle Außenstehenden, die das Gleiche ja auch einmal durchgemacht haben, aber sehr lustig.
Faszination Ungarn
Ungarn ist auf jeden Fall ein Land für Genießer. Ich kann nicht genau beschreiben, was mich so sehr daran fasziniert. Die Menschen, die man einfach ins Herz schließen muss? Die wunderschönen Landschaften, in denen man so toll über alles nachdenken kann? Budapest im Herbst? Zwar ist die Sprache sehr schwierig, aber ist es nicht auch toll, nach einem Jahr die zweitschwerste Sprache der Welt zu beherrschen? Und die Möglichkeit zu haben, seine Gastfamilie, die man sicher ins Herz geschlossen haben wird, immer wieder besuchen zu können, ohne einen teuren Flug zu bezahlen? Wenn mich jetzt noch mal jemand fragen sollte, warum ich denn nach Ungarn gefahren bin werde ich antworten:”Warum denn nicht?”
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