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Toleranz

Erfahrungen auf vier Kontinenten

Wie füllt sich der recht abstrakte Begriff „Toleranz“ für YFU-Austauschschülerinnen und -schüler mit Leben? Hanna Klein, YFU-Ehemalige und -Ehrenamtliche, traf sich in Frankfurt mit vier Jugendlichen aus Hessen, die gerade aus ihrem Austauschjahr zurückgekehrt sind. Laura (16, Thailand), Juliana (16, USA), Yannick (18, Südafrika) und Sarah (17, Ungarn) sprachen darüber, was es für sie bedeutet, tolerant zu sein.

juliana-sarahIn welchen Situationen lebt Ihr Toleranz?

Sarah: Toleranz braucht man in vielen Situationen des Lebens. Ich brauche sie zum Beispiel ganz oft, wenn es um meinen kleinen Bruder geht.

Laura: Das Beispiel finde ich gut. Bei meinen Geschwistern hat Toleranz manchmal ein Ende. Aber wenn man Toleranz auf Menschen aus anderen Kulturen bezieht, die in Deutschland leben, bin ich schon tolerant.

Juliana: Meine Eltern kommen aus Vietnam. Toleranz lernt man schon in der Grundschule, wenn man die Einzige ist, die asiatische Hintergründe hat. Und da ich diese Erfahrung gemacht habe, ist es für mich auch einfacher, gegenüber anderen Kulturen tolerant zu sein.

Yannick: Mir ist Toleranz sehr wichtig und zwar nicht nur anderen Kulturen gegenüber, sondern auch Leuten gegenüber, die einen anderen Glauben oder andere Werte haben. Hier in Frankfurt ist es zum Beispiel so, dass es viele Ausländer und Menschen mit verschiedenen Religionen gibt. Wenn man nicht tolerant ist, braucht man hier gar nicht auf die Straße zu gehen.

Welche Rolle hat Toleranz denn für Euch im Austauschjahr gespielt?

Yannick: Ich habe eher Toleranz gegenüber Intoleranz entwickelt. Denn ich war in einer sehr christlichen Familie und für die waren Homosexuelle etwas Abartiges. Das kann ich persönlich gar nicht nachvollziehen.

Laura: In einem anderen Land ist man ja sehr auf die Toleranz der Anderen angewiesen. Damit habe ich eigentlich gute Erfahrungen gemacht. Was mich allerdings in meiner Toleranz bestärkt hat, war, dass manche Thais selbst nicht sehr tolerant sind in einigen Dingen. Zwar nicht was Homosexuelle angeht, aber beispielweiße gegenüber westlichen Ausländern. Weiße Männer, die nach Thailand gehen, weil sie dort eine Frau heiraten, haben zum Beispiel wenige Rechte, bekommen keine Staatsbürgerschaft, dürfen dann kein Haus bauen und Ähnliches.

yannick-laura

Sarah: Ich finde, im Austauschjahr braucht man Toleranz, um sich anpassen zu können. Und Anpassung, um die Kultur kennen zu lernen, ist ja der Sinn eines Austauschjahres.

Juliana: Ich war in der Nähe von Washington D.C. und in meiner Schule waren Schüler vieler verschiedener Nationen. Und da war es eben von Anfang an klar, dass ich nicht durch die Schule laufen kann und sagen: „Die will ich nicht und dich nicht und dich nicht.“ Ganz anders war bei mir aber die Toleranz gegenüber der Ignoranz: Viele wissen zwar nicht viel über dein Land, wollen aber auch eigentlich nichts wissen. Damit muss man sich dann irgendwann abfinden.

Habt Ihr Situationen erlebt, in denen Ihr gemerkt habt, dass Eure Toleranz an Grenzen stößt?

Juliana: Wenn Leute es ablehnen, über Meinungsunterschiede zu reden. Wenn jemand eine andere Meinung hat, okay, dann kann man darüber reden. Aber es gibt Leute, die einfach ignorant sind und davon nichts hören wollen. Es sind zwar nur Einzelfälle, ich finde es allerdings anstrengend, mit denjenigen umzugehen.

Sarah: Bei mir gab es eine Situation, die ich als schockierend in Erinnerung behalten habe. Ich habe mit jemandem über die Situation zwischen Ungarn und Sinti und Roma gesprochen und er meinte, dass es eine positive Sache an Hitler gab und zwar, dass er die Sinti und Roma umgebracht hat. Das war etwas, das mich erschüttert hat. Ich habe versucht, seinen Standpunkt argumentativ zu ändern, er aber hat das Gespräch abgebrochen. Diese Haltung ist aber natürlich nicht typisch für alle Ungarn.

Yannick: Womit ich manchmal meine Probleme hatte, war, dass man in Südafrika nicht sagen durfte, dass man an die Evolutionstheorie glaubt. Darüber regen sich Leute total auf und fragen: „Bin ich ein Affe, oder was?“ Und da musste ich dann auch einfach mal leise sein und nichts sagen.

Laura: Bei mir war ein Beispiel der Patriotismus der Thais. Gut, das gibt es in vielen Ländern, dass ein Mal am Tag die Nationalhymne gesungen wird. In Thailand wird die Nationalhymne aber zwei Mal am Tag gesungen. In Deutschland wäre das nicht möglich. Klar, das liegt an unserer Geschichte. Was uns hier nationalistisch erscheinen würde, das sieht man in Thailand gar nicht so. Das finde ich irgendwie komisch.

Warum ist Toleranz wichtig?

Sarah: Wenn es keine Toleranz gäbe, gäbe es viel mehr Kämpfe und Krieg. Weil jeder denkt, seine Meinung ist die richtige und jeder seinen Willen durchsetzen möchte, wie wir es in der Geschichte ja schon erlebt haben. Und heute können wir darüber reden und andere Meinungen akzeptieren.

Juliana: Für das friedliche Miteinander in der Welt. Wenn jeder nur mit Scheuklappen durch die Gegend läuft, dann wäre kultureller Austausch gar nicht möglich: das Multikulturelle, dass wir alle Bürger der Welt sind. Wie Sarah gesagt hat, man kann über die kulturellen Unterschiede reden.

Yannick: Ohne Toleranz würde sich die eigene Gruppe von anderen abschotten und man könnte gar nicht miteinander leben.

Laura: Wie Juliana gesagt hat, wäre Reisen und das Kennenlernen von anderen Kulturen gar nicht möglich. Und das ist mir wichtig.

Wie wäre wohl das Leben ohne Toleranz?

Yannick: Langweilig! Wenn es keine Toleranz gäbe, wäre zum Beispiel Frankfurt wohl nicht so groß, es gäbe die Hälfte der Geschäfte nicht, oder man dürfte zumindest nicht reingehen.

Laura: Es wäre wahrscheinlich nicht so vielfältig und auch viel gefährlicher durch Bandenkriege.

Sarah: Es finge ja schon mit den einzelnen Subkulturen in Deutschland an. Die würden sich dann voneinander abschotten oder sich sogar bekriegen.

Juliana: Das Leben wäre viel eintöniger und viel trauriger. Und will man das wirklich?

Was können wir konkret tun für mehr Toleranz?

Sarah: Als gutes Beispiel voran gehen.

Yannick: Ja, selbst tolerant sein.

Juliana: Eben nicht nur darüber reden, sondern den ersten Schritt wagen und auch etwas dafür tun, um die interkulturelle Verständigung zu verbessern. Als Austauschschüler merkt man, dass man einiges verändern kann am Menschenbild der anderen.

Laura: Mit Menschen sprechen, von denen wir vielleicht wissen, dass sie nicht so tolerant sind, und ihnen klar machen, was es bedeutet, tolerant zu sein, und was es einem selbst bringt.

Sarah: Aber nicht nur versuchen, den anderen etwas zu sagen, sondern auch von den anderen etwas lernen. Ich finde Toleranz sehr wichtig und sie wird gebraucht. Man muss trotzdem aufpassen, bis wohin die Toleranz geht, und da eine Grenze ziehen. Und diese Grenze zu finden ist, glaub ich, manchmal ein bisschen schwer…

 

Dieses Interview ist in der Herbstausgabe 2011 des YFU Magazins erschienen.

Übrigens: YFU veranstaltet einen Wettbewerb zum Internationalen Tag der Toleranz.

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„Bereits nach vier Wochen hatte Kirilla entschieden: ‚Ich möchte euch Papa und Mama nennen.’ Wie freuten wir uns darüber!“

Ruth Diemer-Schäfer
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