"Sharing is caring"

Erfahrungsbericht von Sophia, Austauschjahr in Indien

Es hat mit einer ganz kleinen Idee angefangen. Am Anfang war ich überhaupt nicht davon begeistert. Aber jetzt sitze ich hier und bin unglaublich froh und dankbar, dass ich, mit so viel Unterstützung von meiner Familie, meinen Freunden, YFU und dem Stipendienprogramm „Botschafter Bayerns“ doch hier in Indien gelandet bin. Ich habe damit ein neues Leben geschenkt bekommen! Mit einer neuen Familie, neuen Freunden, neuen Erlebnissen und Erfahrungen ist Indien meine neue, zweite Heimat geworden. Als ich mich dazu entschieden habe, doch ins Ausland zu gehen, war mir klar, dass es ein Abenteuer wird. Aber dass es ein so spannendes Abenteuer wird, hätte ich nicht gedacht.

Verkehrschaos und Familienbande

Es fängt schon damit an, dass ich jedes Mal, wenn ich die Straße überqueren muss, ein bisschen Angst habe und das in Chandigarh, wo der Verkehr, verglichen mit dem Rest von Indien, sehr geordnet ist. So ist es also zur Angewohnheit geworden dass, wer auch immer die Straße mit mir überquert, mich an die Hand nimmt, wie ein kleines Kind. Aber die Definition von Kind, besonders für Mädchen, ist hier sowieso anders. Ich lebe hier, mit inzwischen 16 Jahren, ein deutlich stärker behütetes Leben mit viel weniger Freiheiten. Es war am Anfang eine große Umstellung für mich, dass ich nicht mal schnell alleine raus gehen kann, um etwas zu besorgen. Aber ich habe mich daran gewöhnt und bin froh darüber, hier die „kleine“ Sophia zu sein, vor allem da ich in Deutschland die Älteste von drei Geschwistern bin und mir dort vieles eigenverantwortlich überlassen wird.

Ich lebe hier mit meiner neuen Familie, das sind Dadiji (die Mutter meines Gastvaters), meine Gasteltern, meine Gastschwestern Nanki (20) und Gursaya (18) und mein Gastbruder Nirbhay (16), in Chandigarh. Das ist ein Stadtstaat, ca. 300 km nördlich von Delhi, und gleichzeitig die Hauptstadt von Punjab und Haryana. Ich fühle mich hier unglaublich wohl und bin ein vollständiges Familienmitglied geworden. Die ersten Tage waren schwer, aber ich habe schnell gemerkt, dass die Menschen hier in Indien sehr hilfsbereit, freundlich und aufmerksam sind. Nach dem Motto „Sharing is caring“ wird hier alles geteilt. Zeit, Essen, Familie, Spaß, Freunde. Auch wenn es nur wenig ist. Das hat mir die Eingewöhnung sehr erleichtert.

Schule in Indien

Der erste Tag in meiner neuen Schule, der Yadavindra Public School, Mohali, kurz YPS, war furchtbar. So viele neue Gesichter, die mich angestarrt haben und mir alle dieselben Fragen gestellt haben. Und auch die nächsten Tage waren nicht besser. Obwohl in YPS offiziell nur Englisch gesprochen werden darf, spricht doch fast jeder Hindi oder Punjabi und auch den Lehrern passiert es, dass sie die Sätze in Englisch beginnen und in Hindi/Punjabi beenden. Ich habe also nicht viel verstanden, vor allem während der ersten Tage in meiner neuen Schule, auch wenn sich jeder darum bemüht hat, Englisch mit mir zu sprechen. Aber mittlerweile verstehe ich genug, um auch die Witze zu verstehen und kann darüber lachen. Ich trage meine Schuluniform mit Stolz und bin eine der Wenigen, die Assembly, die tägliche Versammlung vor dem Unterricht, wirklich gerne mag, denn meiner Meinung nach ist das wie ein tägliches Familientreffen. YPS ist eine Ganztagesschule und jeder sieht die Schule als zweites Zuhause, wie eine zweite Familie.

Die Schule beginnt um 8 Uhr mit der Assembly und geht weiter mit sieben Schulstunden Unterricht. Zum Mittagessen treffen wir uns alle in der großen Mensa und sitzen nach „Häusern“ eingeteilt an unseren Tischen. Ich vergleiche YPS immer mit Hogwarts in Harry Potter, den es gibt hier Helfer, die immer irgendwo in der Schule etwas zu tun haben. Es gibt auch Inter-House-Competitions, in denen die fünf verschiedenen „Häuser“ in verschiedenen Kategorien gegeneinander antreten und es werden Punkte gesammelt, die am Ende des Jahres verkündet werden. Natürlich gibt es Freundschaften zwischen den verschiedenen „Häusern“, aber sobald es zu einem Wettbewerb und vor allem zu Unklarheiten kommt, können diese ganz schnell vergessen sein. Nach dem Mittagessen geht in der Schule jeder seinen Hobbies nach. Um 16 Uhr fährt dann der Bus nach Hause. Ich habe angefangen, während den Hobbystunden Deutschunterricht für jüngere Schüler/innen zu geben, Sitar, ein typisch indisches Instrument zu lernen und habe mich auf diverse Wettbewerbe vorbereitet. Ich habe mit meinem „Haus“ in der Inter-House-Music-Competition ein Himachali Lied gesungen, bin mit meiner Geige zum „Schulstar“ geworden, als ich im Schulmusical gespielt habe und ich habe an einem Kunstwettbewerb an einer der angesehensten Schulen in Indien teilgenommen. Und das alles in nur vier Monaten!

Aber meine Erlebnisse, die ich in der Schule gemacht habe, waren nicht immer nur gut. Als Strafe am Platz zu stehen, anstatt während dem Unterricht zu sitzen, ist eine ganz normale Sache und auch zu einer leichten Ohrfeige sagt keiner was. Mir selbst ist das nicht passiert, aber in meiner Klasse und vor allem für die Jungs ist es keine Seltenheit. Am Anfang war ich geschockt, aber ich habe mich so daran gewöhnt, dass ich mittlerweile mit meinen Klassenkameraden heimlich darüber lachen kann. Freundschaften zwischen Jungen und Mädchen sind hier zum Glück im Großen und Ganzen nichts Außergewöhnliches mehr, dennoch bin ich schon in die Situation gekommen, in der mir eine Lehrerin gesagt hat, ich könne mich nicht mit Jungen unterhalten, geschweige denn mit ihnen befreundet sein. Das ist nur einer der wenigen Unterschiede von der indischen zur deutschen Kultur und ich bin froh, dass ich all diese Erfahrungen machen kann, denn es hat meine Sicht auf die Welt verändert.

Gegensätze wie Tag und Nacht

Ein Erlebnis, das mich sehr geprägt hat und mich immer wieder beschäftigt, ist die Armut hier. Ich habe einmal Nanki, meine ältere Gastschwester, vom College abgeholt, als plötzlich zwei Kinder an unser Autofenster geklopft und nach Essen gefragt haben. Es waren ein Junge und ein Mädchen. Der Junge trug ein anderes, vielleicht zweijähriges, Mädchen im Arm. Meine Gastmama hat lange überlegt, ob sie ihnen etwas zu essen kaufen soll, denn die meisten dieser armen Kinder wissen noch nicht mal, was sie mit Geld anfangen sollen, geben es ihren Eltern und dort wird es dann meistens für Drogen oder Alkohol verwendet.
Nach einigem Überlegen hat sie sich aber doch erweichen lassen und wir haben ihnen etwas zu essen gekauft. Das einfachste Gericht, das in Indien zu kriegen ist. Daahl und Roti, Linsen und Brot. Die lächelnden Gesichter haben mir das Herz zerrissen. Denn die beiden Größeren waren so damit beschäftigt, zu essen, dass sie die Kleine total vergessen haben. Ich habe also angefangen sie zu füttern. Am Anfang waren wir beide ängstlich, sie vor mir und ich vor der Reaktion von Gursaya meiner Gastschwester, die mit mir gegangen war, um das Essen zu kaufen. Als wir gehen mussten habe ich Gursaya darum gebeten, zu fragen, wie alt die drei denn sind. Wir bekamen eine Antwort: „Woher soll ich das wissen?“, mehr war nicht zu erwarten, so Gursaya. Leider ist das keine Seltenheit hier, wie ich immer wieder erfahren muss.

Aber es gibt natürlich auch schöne Erlebnisse hier. Zum Beispiel Diwali. Ein Feiertag mit viel Licht, süßen Speisen und Feuerwerk, an dem ganz Indien leuchtet. Oder Guru Nanak Devji´s (der erste von zehn Gurus im Sikhismus) Geburtstag, der von allen Sikh´s groß gefeiert wird. An diesem Tag geht fast jeder Sikh in den Gurdwara, um eine Matha, einen Segen, zu bekommen. Und um Guru Nanakji zu preisen.

Warmherzigkeit und Neugier

Die indische Kultur ist, nach meinen Erfahrungen, offen für alles und jeden uns so habe ich unglaublich viele, liebe Menschen getroffen und Freundschaften fürs Leben geschlossen. Ich lerne jeden Tag mehr über die Kultur und die Religion meiner neuen Heimat. Von ganz einfachen Dingen, wie „Wie kleide ich mich angemessen, um in den Gurdwara zu gehen?“, über „Was alles gehört zu einer Matha?“ bis hin zu „Wie mache ich Parshad (so etwas wie die Hostie im Christentum)?“ oder „Warum feiern wir Diwali?“. Meine Zeit hier ist ein unglaubliches Abenteuer und überrascht mich jeden Tag mit positiven Erlebnissen und Erfahrungen, aber auch mit negativen. Indien ist laut, es riecht anders, schmeckt anders, ist wuselig... Aber irgendwie sind doch alle Länder gleich. Ich muss immer noch jeden Tag zu früh für die Schule aufstehen, ich spreche immer noch mit meinen neuen Eltern am Esstisch darüber, wie mein Tag war, und ich bin immer noch von freundlichen, warmherzigen Menschen umgeben, die immer da sind, wenn ich Hilfe brauche, mit mir lachen und Spaß haben. Ich bin dankbar und froh dass ich letzten Endes in Indien gelandet bin und mir die Möglichkeit gegeben wird, so an Erlebnissen und Erfahrungen persönlich zu wachsen und ich bin gespannt auf die nächsten, mir verbleibenden, 5 ½ Monate.