Austauschschülerin mit ihrer Gastschwester und Henna-Tattoos

That's India, my dear!

Erfahrungsbericht von Alexandra, Austauschjahr in Indien

„Indien?! Machst du Witze?“ Nein, eigentlich nicht, es war absolut ernst gemeint, ich wollte mein Austauschjahr in Indien verbringen. Überall begegneten mir ungläubige Blicke, sobald ich von meiner Absicht erzählte, 10 Monate in gerade diesem heißen, staubigen, kulturell beinahe komplett konträren Schwellenland zu verbringen. Aber verunsichern ließ ich mich nicht davon.

Schließlich war es soweit, nach einem Vorbereitungsseminar, dem Einkaufen von Gastgeschenken, den ärztlichen Check-ups und scheinbar endlosen Verabschiedungen, flog ich Mitte Juli als Botschafterin Bayerns in Richtung Abenteuer. Bereits bei der Ankunft am Flughafen in New Delhi wurde die gesamte Gruppe von knapp 30 Teilnehmern vom indischen Klima quasi überrannt: Draußen herrschten tropische 45 Grad, es war schwül – und das mitten in der Nacht.

Nach einer kurzen „Orientation“ wurden wir zu unseren Gastfamilien gebracht, ich landete bei einer wunderbaren Familie, mit der ich bereits seit April in Kontakt war. Meine „neue“ Familie bestand aus den Eltern, einer 15-jährigen Gastschwester, einem 6 Jahre alten Gastbruder und einer Großmutter, die leider im September verstarb. Der Tod erlaubte mir einen Einblick in die facettenreiche hinduistische Religion und schweißte die Familie stärker zusammen, außerdem lernte ich die riesige Familie väterlicherseits kennen.

Indische Schule

Während meiner Zeit in Ludhiana besuchte ich Montag bis Samstag die BCM Arya Model Senior Secondary School, eine riesigen Privatschule mit ca. 6000 Schülern vom Kindergarten bis zu den 12. Klassen, mit jeweils 30-40 Kindern pro Klasse.

Innerhalb der ersten paar Tage erfuhr ich, wie anders das indische Schulsystem ist: Der Morgen beginnt mit einer religiösen Einstimmung, bestehend aus einer kleinen Meditation, langen Gebetsliedern, weniger langen Mantras und anderen Gebeten, dem Verlesen einer zum Denken anregenden Geschichte und dem „Thought of the Day“. Der Unterricht wird frontal gehalten, praktische Einheiten gibt es kaum. In der Oberstufe wählen die Schüler einen Zweig, der die Karrieremöglichkeiten bereits in eine gewisse Richtung lenkt.

Probleme der Verständigung gab es nicht,  die Schulsprache war Englisch. Auch sportlich hatte die Schule einiges zu bieten: Es gab einen eigenen großen Sportplatz, eine Rollschuhbahn und ein Cricketfeld. Jedes Jahr waren viele sportliche Erfolge in sämtlichen Wettkämpfen zu feiern, auch ich nahm an verschiedenen Leichtathletikwettkämpfen teil und wurde zur besten Leichtathletin der Schule gekürt.

In der Schule lernte ich wahnsinnig nette Menschen kennen, auch die Lehrer waren außerhalb des Unterrichts viel sympathischer und die Schulleiterin war immer für uns da. Damit wurde ich im Scherz auch aufgezogen, dass wenn mir aufgrund einer Freistunde langweilig sei, ich doch zur Schulleiterin gehen solle, um mit ihr eine Tasse Tee zu trinken.

Meine indische beste Freundin und Mum

Nach Schulschluss um halb zwei ging es nach Hause. Während meine Gastschwester, wie fast alle anderen indischen Schüler, ihre Nachmittage in Nachhilfeklassen verbrachte und mein Gastbruder draußen mit seinen Freunden spielte, blieb ich bei meiner Gastmutter, die meine indische beste Freundin und Mum wurde. Zusammen besuchten wir oft ihre Eltern, kochten, betätigten uns irgendwie künstlerisch, was sie als Künstlerin ziemlich gut konnte, oder gingen einkaufen. Wir waren fast immer zu zweit anzutreffen. Dass wir einander ziemlich nahe waren konnte jeder ohne Probleme erkennen.

„That’s India, my dear!“

Zusammen mit der ganzen Familie unternahmen wir einiges. Wir feierten sämtliche Festivals, wie Diwali (Lichterfest) und Holi, an welchem mit Farben geworfen wird. Wir fuhren auch hin und wieder weg, wurden auf die farbenfrohen Hochzeiten, Geburtstage und religiöse Veranstaltungen eingeladen. Besonders schön war ein Wochenende, das wir in Jaipur, einer wunderschönen Stadt im benachbarten Bundesstaat Rajasthan verbrachten. Wir hatten viel Spaß beim Sightseeing und Shoppen und Indien gewann den Cricket Worldcup.

Noch ein Wort zum Titel: „That’s India, my dear.“ So erklärte mir meine Gastmutter immer alles, was ich nicht verstehen konnte oder was schwer zu erklären war, weil es einfach schon immer so gewesen ist.

Wann immer ihr die Chance habt, so etwas zu erleben, schreckt nicht vor ungewohnten Dingen oder Erzählungen anderer zurück, macht es einfach und genießt die „kulturellen Überraschungen“!

Ich kam nach Indien, verliebte mich in das Land, seine Menschen und seine Traditionen. Der Austausch half mir die verschiedenen Kulturen besser zu verstehen, eine zweite Familie und neue Freunde zu finden. Ich freue mich wieder in Deutschland zu sein, 10 Monate waren doch recht lang, doch vermisse ich das was war und freue mich auf ein baldiges Wiedersehen mit meinen Indern!