Ein Lottogewinn für ein Jahr

Familie Hagenah, Gastfamilie von Nathalie aus Dänemark

Ausschlaggebend für die Entscheidung, eine Gasttochter für ein Jahr aufzunehmen, war für uns der Aspekt, dass unsere ältere Tochter Christina im Sommer 08 für ein Jahr nach Argentinien ging. Sie, wie auch eine Freundin, die ebenfalls nach Argentinien ging, haben uns als Eltern auf den Gedanken gebracht, als "Ersatz" jemanden aufzunehmen. Wir haben noch eine 14-jährige Tochter - Annbritt- die eine sehr enge Beziehung zu Christina hat und sehr unter dem Verlust litt. Somit entschieden wir uns zu dem Kontakt zu YFU für diese "Aktion". Wir hatten schon Erfahrung mit Austauschschülern und nach einigem Zögern bzgl. der Länge eines ganzen Jahres sagten wir uns dann: Die Schüler habe das Recht, die Familie zu wechseln, somit hat eine Gastfamilie auch das Recht zu wechseln, wenn es absolut nicht klappt. Nachdem ich diesen Gedanken verinnerlicht hatte, war die Entscheidung gefallen und das gleich vorweg: Es war die beste Entscheidung überhaupt. Wir alle haben nicht immer nur an Christina gedacht, denn wir haben auch eine neue Tochter, die von ihrer Familie vermisst wird.Ein plötzlicher 6er mit Superzahl

Aber ganz so leicht war es doch nicht, denn wir entschlossen uns erst im Juli 08, also unmittelbar vor den Sommerferien, für die Aufnahme eines Austauschschülers. Und nach einem Familienbesuch und einem Gespräch mit den hiesigen YFU-Betreuern hieß die Antwort: Tut uns leid, alle Gastschüler sind schon platziert. Traurig musste Annbritt diese Enttäuschung hinnehmen, aber wir waren positiv und dachten eventuell an eine nächste Chance im Winter. Doch schon am nächsten Tag ereilte uns eine Mail und ein Anruf: Familie Hagenah, bitte sofort entscheiden! Eine Gastschülerin, nämlich unsere Nathalie aus Dänemark, war eigentlich schon platziert, aber benötigte nun eine neue Familie, da die eigentliche Gastmutter überraschend Zwillinge erwartete. Ohne groß ihre Unterlagen lesen zu können, sagten wir sofort zu und das war der absolute Lottogewinn, noch dazu ein 6er mit Superzahl.

Wie eine neue Schwester und Tochter

Nathalie ist die Ausgeglichenheit in Person, sprach von Anfang an sehr gut Deutsch und hat sich sofort an allen Aktivitäten beteiligt. Sie zog sich vom ersten Tag an nicht zurück und hat alle Probleme und Sorgen mit uns besprochen, was wir wirklich nicht erwartet haben. Deshalb war das Miteinander natürlich nicht nur rosig und stressfrei, aber doch überwiegend. Bei Problemen haben wir sofort mit ihr gesprochen, auch dann, wenn wir das Gefühl hatten, es stimmt etwas nicht. Nathalie freute sich auf eine Schwester, denn sie hat in Dänemark zwei Brüder. À propos Dänemark, Dierk, mein Mann , hat vor über 20 Jahren 2 jahre lang in Dänemark gelebt und spricht Dänisch. Er freute sich ebenso über diese Nationalität. Zurück zu Annbritt und Nathalie. Am Anfang war Nathalie oft traurig darüber, dass Annbritt häufig stur und unzugänglich war. Wir haben mit beiden, mal allein, mal zusammen geredet. Und ab Januar, Februar merkte man, dass Nathalie besser darauf reagierte und Annbritt besser auf Nathalie zuging. Wir können nur sagen, dass die Behauptung, ein Jahr sei besser als ein halbes zumindest auf unsere Situation absolut zutrifft. Ab der zweiten Hälfte war alles normal, wie eine Familie, ohne Schonung vor diversen Tätigkeiten, ohne Abstriche. Sie gehört zu uns und ist wie eine Tochter, was wir uns vorher gar nicht so vorstellen konnten, wenn man las, es sollte im Idealfall so sein.

Die warmen Sachen bleiben gleich da

Auch Nathalie empfindet es so, dass wir sie wie unsere Tochter behandeln. Das zeigte sich auch bei Annbritts Konfirmation im April. Als mein Bruder zu mir sagte: „Na, jetzt sind eure beiden konfirmiert, ihr habt's geschafft, nächstes Jahr sind wir dran, Lena wird am 9.5.2010 konfirmiert", da sagte Nathalie sofort: "Ja, bin ich dann auch da??????" Wir alle mussten so lachen. Sie will auch nicht alle Sachen direkt mit zurück nach Hause nehmen, sondern sagt: "Ich komme doch im Herbst, dann kann ich die warmen Sachen gleich hier wieder gebrauchen." Sie ist wirklich einfach liebenswert.

Obwohl sie auch ein Schussel ist und fast keine Woche vergeht, in der nicht irgendetwas fehlt. Auch das ist Nathalie. Der Rechencomputer der Schule: Spurlos verschwunden. So auch der neue USB-Stick, der Schminkstift, die komplette Federmappe, die Sporthose oder sogar das Bettlaken vom Mittelseminar. Vieles hat sie bei uns gelernt, vieles wird sie eventuell begleiten, manches wird sofort vergessen, aber so ist es. Auch, dass man den Kohlrabi vor dem Kochen schält und nicht danach, wenn er in kleine Stücke geschnitten ist.

Wir werden sie alle nicht - niemals - vergessen. Wie sagte Opa Rolf - mein Vater – mehrmals: "Ach, sie ist doch ein wirklicher Schatz". Alle in unserer Familie, es sind wirklich viele, sehen sie so - als Schatz! Wir haben viele Dinge neu überdacht, viel gelernt und auch versucht zu ändern. Auch für Annbritt war es bestimmt ein sehr wichtiges Jahr. Oft hat sie Dinge nur mit Nathalie besprochen und ihr anvertraut. Nathalie hat in Christinas Zimmer gelebt und möchte deshalb auch im Herbst Christina kennenlernen. Zum Glück ist Dänemark nicht so weit!!!!

Weihnachten und Muttertag

Für uns gibt es nur einen kleinen negativen Beigeschmack: Wer kann dies Mädchen überhaupt noch übertreffen???? Das macht die Entscheidung für einen weiteren Gastschüler nicht leicht.

Sie fragte oft Dierk um Rat bei kleinen Liebeleien und sprach uns ganz offen mit uns wegen der Gewichtszunahme und ihrem Unwohlsein bzgl. der Figur an. Und durch sie war Weihnachten ohne Christina nicht so schlimm, denn Nathalie ging es Weihnachten auch richtig gut, wie sie sagte und wir auch merkten. Bestimmt hat sie mich oft verflucht, wenn sie erzählte, wie unerklärlich wieder etwas abhanden kam, und ich dann erwiderte, sie müsse sorgfältiger und ordentlicher sein. Schrecklich, diese Sprüche wird sie gedacht haben, eben auch Deutsch. Aber als ich zum Muttertag meine Lieblings-CD bekam mit der Karte: Du bist eine liebe zweite Mutter, da ging mir doch das Herz auf. Es ist unvorstellbar, dass in 4 Wochen keine Nathalie durchs Haus läuft, nach Dingen sucht oder fragt.

Tee, Blumen und Halbmarathon

Auch der hohe Kaffeekonsum mit 4 Löffeln Zucker wurde von ihr ganz allein, in den ersten 4 Wochen eingestellt. Wir trinken alle Tee (hauptsächlich) ohne Zucker. Bin gespannt, ob sie's in Dänemark beibehält?! Und sie hat Pläne für zu Hause, nämlich mehr Blumenzwiebeln und Blumen zu pflanzen. Sie hat sich hier eine Blumenvase aus der ansässigen Töpferei gekauft, für ihr Zimmer, um dort auch immer ein paar kleine Blüten für sich zu haben. Das ist doch wirklich süß, oder??? Also, wie anfangs gesagt: Sie ist unser Lottogewinn für ein Jahr - und bestimmt für immer in unseren Herzen!! Sie hat bestimmt so vieles hier in Deutschland zum ersten Mal in ihrem Leben gemacht - nächste Woche läuft sie mit uns ihren ersten Halbmarathon - ist viel Fahrrad gefahren - hat im Garten gepflanzt und geerntet, war dabei als Wolfsburg Meister wurde, hat mit uns gelebt, gejubelt und gelitten - was kann es schöneres geben .

Vi siger tak for et dejligt aar . ( Vielen Dank für ein schönes Jahr )

sagen Annbritt , Mama Sylke , Papa Dierk und Kater Mr. Vincent

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