Wie in zwei Welten

Erfahrungsbericht von Fabio, Austauschjahr in der Türkei

Er steht neben mir.
Das Glas, das ihn umgibt ist geschwungen, sieht aus wie eine kleine Karaffe. In der Mitte geht das Glas etwas nach innen, nach oben hin öffnet es sich wieder.

 

Er ist braun.
Ein dunkler eben. Ich habe ihn aus der Türkei mit nach Deutschland genommen. Er erinnert mich an jede Situation in der Türkei, denn egal wo ich war, er war fast immer mit dabei.

 

Er ist süß.
Genau genommen ist er das nicht, aber wie auch in der Türkei, habe ich so einiges an Zucker dazu getan, sonst ist er kaum zu trinken.

 

Es gibt ihn einfach überall.
Wie gesagt, egal an welche Situation aus meinem Austauschjahr ich mich erinnere, immer war er dabei, ein toller Wegbegleiter.

 

Cay, oder auch Tee.

Egal, ob auf dem Land oder in der Stadt, überall trinkt man ihn, bei jeder Gelegenheit.

 

In meinem Jahr in der Türkei habe ich viele unterschiedliche Teile der Türkei kennengelernt. Ich selbst habe mit meiner Gastfamilie in Ankara, einer der größten Städte, mit sechs Millionen Einwohnern gelebt. Meine Gastgroßeltern hingegen leben auf dem Land, in einem Dorf, mit ein paar tausend Einwohnern.

 

Allein dieser Unterschied in der Familie hat mir gezeigt, wie unterschiedlich nicht nur die Lebensweisen in einem Land, sondern auch die Denkweisen sein können.

 

Traditionelles Leben auf dem Land

Auf dem Land bei meinen Großeltern wirkt alles noch sehr traditionell und wie man sich die Türkei hier in Deutschland oft vorstellt. Viele Frauen tragen ein Kopftuch, das sie beim Arbeiten vor der Sonne schützt und ihr Haar aus dem Gesicht hält (dieses Kopftuch darf nicht mit dem religiösen Kopftuch verwechselt werden, es ist sehr locker am Kopf angebunden, die vorderen Haare sind dabei gut sichtbar und viele Frauen tragen es, wenn sie es gerade nicht brauchen, wie eine Art Halstuch am Nacken herunterhängend).
Die meisten Menschen hier auf dem Land sind schon etwas älter, die jungen versuchen, es nach der Schule oder sogar noch während der Schulzeit in die nächst größere Stadt zu schaffen und dort Arbeit zu finden.
Für junge Frauen wird auch heute noch nach reichen Männern in der Stadt gesucht.
Meine Großmutter wurde, als sie sechzehn Jahre alt war, an ihren heutigen Ehemann verheiratet. Sie selbst wollte das damals nicht, aber als sie in diesem Alter war, kannte man es noch nicht anders, gerade auf dem Land nicht. Ihren heutigen Ehemann kannte sie damals bis zum Tag ihrer Hochzeit nicht.
Trotzdem wirken meine Großeltern glücklich, beide scheinen zufrieden und ausgeglichen, sie sind stolz auf ihre Tochter, meine Gastmama, die es in die Hauptstadt und auch beruflich so weit gebracht hat. Sie lieben ihre Enkel über alles, zu denen ich mich auch zählen durfte und sind unglaublich geduldige und langmütige Menschen.

 

Meine Gastmutter wurde, als sie 14 Jahre alt war, von meinem Gastgroßvater nach Ankara in ein Internat geschickt. Dort, in dieser riesigen Stadt, muss alles sehr anders gewesen sein. Mädchen und Jungen waren sich näher und Frauen hatten weitaus größere Chancen auf eine hochqualifizierte Ausbildung und Arbeit.
Als eine der einzigen der Schule durfte sie später die Universität besuchen, auch in Ankara und lernte dort ihren heutigen Ehemann kennen.
Er ging irgendwann zum Militär und sie heirateten, bekamen ein Kind. Heute arbeitet er als Ingenieur, sie als Kinderärztin. Sie wohnen in einem der etwas wohlhabenderen Viertel Ankaras.
Allein diese Geschichte zeigt, wie unterschiedlich diese "zwei Welten" (Dorf und Stadt) sind. Und doch haben sie alle etwas gemeinsam, den Cay.

 

Cay verbindet!

Sie alle trinken Cay.
Meine Großeltern, wenn sie am Morgen gemeinsam frühstücken und ihr Auge über die Landschaft ziehen lassen, sich fragen, ob die Bäume dieses Jahr wohl viele Pflaumen geben werden.
Mein Gastbruder, wenn er sich morgens, wieder viel zu spät dran und noch total verschlafen, zwischen Spidermanschlafanzug und Schuluniform sein Käsetoast und einen Fruchtzwerg in den Mund schiebt.
Mein Gastpapa, im Anzug, bevor er sich auf den Weg in die Firma macht, mit Schafskäse, Oliven und Brot, gerne auch mit frischgepresstem Orangensaft.
Meine Gastmama, bevor sie zum Krankenhaus fährt, während sie mit ihren Freundinnen am Telefon in der einen Hand noch eben den geplanten Mädelsabend in einer Woche plant, und mit dem Lippenstift in der anderen der Haushaltshilfe versucht klar zu machen, was sie heute bitte alles machen soll.
Unsere Haushaltshilfe, während sie unsere Wohnung aufräumt und mal Pause macht.
Mein Friseur während er sich die Zeit zwischen den Kunden mit seinem Kollegen beim Tavlaspielen vertreibt.
Die Simitcis (Sesamkringelverkäufer), während sie mit der ersten Fuhre Simits auf dem Weg zu ihrem Standort sind.
Die Losverkäufer, die sich ihr tägliches Geld auf der Straße mit dem Verkauf von Losen verdienen.
Sie alle trinken Cay.

 

Und auch ich habe täglich meinen Cay getrunken, in Gedanken, was der Tag wohl so bringen würde, bevor mich der Schulbus vor der Tür abholte.

 

Aber vor allem haben wir den Cay in der Gruppe genossen. Wenn geredet wurde, meist über Allah, Politik und die Welt.

 

Zwischen zwei Welten, aber eigentlich doch in einer

Mir kam dieser Unterschied zwischen diesen "zwei Welten" immer sehr extrem vor. Ich habe mir oft überlegt, wie es wohl für meine Gastmama sein muss, zwischen diesen Welten zu pendeln, in Erinnerung an ihre Kindheit auf dem Land und der Gegenwart.

 

Und doch habe ich auch immer wieder in Ankara das vor knapp hundert Jahren auch noch ein Dorf war, bevor es zur Hauptstadt der Türkei ernannt wurde, Teile des Landlebens gefunden, Strukturen, die sich die Menschen vom Land mit in die Großstadt genommen haben. Ich denke, die meisten geschehen unbewusst. Aber ein paar sind eben auch sichtbar, wie hier der Cay.

 

Er ist wie eine Verbindung zwischen allen Regionen der Türkei.
Jede Region hat seine speziellen Süßspeisen, die Simits (Sesamkringel) sind, je nach Form, auch Markenzeichen für eine Region. Es gibt vor allem an der Nordküste Dialekte, und doch tun sie alle eines:
Sie alle trinken Cay.

 

Ich bin nun seit gut eineinhalb Monaten wieder zurück in Deutschland. Mit etwas Abstand zu meinem Auslandsjahr kann ich sagen, dass mir "Zwischen zwei Welten, und eigentlich doch in einer", nicht nur in der Türkei ein Begriff geworden ist, sondern allgemein, auch was meine beiden Leben in der Türkei und in Deutschland angeht.
Wir sind so sehr verschieden und doch verbinden uns Kleinigkeiten, die uns zu Menschen machen, die gemeinsam auf einer Welt leben.

 

Ich stelle mir die Frage, ob es so etwas wie den Cay in der Türkei, für die ganze Welt gibt. Etwas sichtbares, etwas zum Anfassen, das uns allen bekannt und wichtig ist.
Ich glaube nicht.
Aber es würde vieles so viel einfacher machen, wenn man etwas hätte, das uns allen wichtig ist.

 

Dabei gibt es doch so vieles, Familie, Freundschaft, Gesundheit, Freude, Religion usw. was uns wichtig ist und uns mit anderen Menschen zusammenbringt. Aber wir schaffen es nicht, uns als Menschheit zusammen zu tun, das wundert mich.
Klar ist mir, dass wir eine viel zu große Anzahl an Menschen sind, als dass es simpel wäre sich mit jedem gut zu verstehen, aber so ein bisschen mehr Zusammenhalt, und auch Verständnis untereinander sehe ich als wünschenswert und gleichzeitig möglich an, schließlich sind wir doch alle

 

Menschen auf einer Welt.

 

Fabios Gastfamilie

Weihnachten mit Freunden

"Cay" wird in der ganzen Türkei getrunken

Silhouette einer Moschee

An der Küste in Izmir

Bunte Gewürzauslagen auf dem Markt