Polnische Hochzeit in Labunie – zehn Jahre später

Steffi Blanken, Gastmutter von Justyna aus Polen und vielen mehr

Wodka spielt eine große Rolle. Nachdem Braut und Bräutigam davon getrunken haben, werfen sie ihre Gläser unter dem Beifall der Gäste über die Schulter. Drei Stunden zuvor wurde die Braut von ihren Geschwistern nach harter Verhandlung für fünf Flaschen Wodka an ihren zukünftigen Ehemann verkauft!

Justyna: Die Erste von vielen Austauschschülerinnen

So beginnt ein Erlebnis, dass wir YFU zu verdanken haben. Über zehn Jahre ist es her, dass wir über Nacht zur Gastfamilie wurden für Justyna, ein 17-jähriges Mädchen aus Polen. In ihrer ersten Gastfamilie war sie unglücklich, doch YFU konnte helfen: Justyna wurde unsere erste Gasttochter, bis heute folgten bereits acht weitere Mädchen aus vielen verschiedenen Ländern.

Ein Jahr nach Justynas Heimkehr besuchen wir sie und ihre Familie (siehe erstes Foto). Wir werden herzlich und gastfreundlich aufgenommen. Mehrere Male kommt Justyna zu uns nach Buxtehude. Bei der Gelegenheit trifft sie Rosi (eigentlich Gozewien) aus den Niederlanden, Gasttochter Nr. 9. Justyna, inzwischen Deutschlehrerin in Warschau, erzählt uns von ihren Hochzeitsplänen – wenn es irgend möglich ist, möchten wir dabei sein!

Auf geht's nach Labunie an der ukrainischen Grenze

Im Juni ist es soweit: Wir, Mutter, Vater, Tochter Lisa, Rosi und Oma (78) besteigen das Flugzeug nach Warschau, von dort geht es mit dem Auto weiter nach Labunie, einem sehr kleinen Dorf nahe der ukrainischen Grenze.

Was für eine freudige Begrüßung! Justynas Mutter hat Pierogi zubereitet, eine polnische Spezialität. Die vier Geschwister sind groß geworden, die Verständigung auf Englisch funktioniert problemlos. Ist es wirklich schon neun Jahre her, dass wir hier waren? Uns erscheint es, als hätten wir erst gerade neulich mit der Familie zusammengesessen, gegessen, getrunken und gelacht!

Am Samstag treffen wir uns im Haus der Braut, Justyna ist so hübsch in ihrem Kleid. Der Bräutigam kommt vorgefahren, bietet Blumen an. Nein, die hat Mama im Garten. Was kann er noch anbieten? Auch ohne Polnischkenntnisse verstehen wir, mit welchem Vergnügen die Geschwister um den Brautpreis verhandeln. Dann darf der Bräutigam das Haus betreten und sieht seine Frau zum ersten Mal im Brautkleid. Eltern, Geschwister und Verwandte segnen Justyna, zeichnen ihr ein Kreuz auf die Stirn. Eine sehr feierliche Zeremonie, und wir dürfen dabei sein! Danach geht es in die Kirche, alle Gäste nehmen am Gottesdienst teil.

Es wird gefeiert!

Um 19 Uhr beginnt die Feier. Im schön dekorierten Saal biegen sich die Tische unter Platten mit Fisch, Fleisch, Salaten, Kuchen und Getränken. Ach ja – die Getränke: es gibt Wasser, Wodka und Brause. Irgendwo steht eine einsame Flasche Wein – sie wird noch am nächsten Tag dort stehen. Dem Wodka ergeht  es anders: Es ist eine 0,5-l-Flasche pro Gast vorgesehen! Bis morgens um 4 Uhr wird getanzt, gesungen und erzählt.

Wir als einzige Nicht-Polen fühlen uns, wie sich Austauschschüler fühlen müssen: Zunächst beobachten und bestaunen wir das Geschehen, verstehen nichts und werden beobachtet. Habe ich erwähnt, dass sich unsere Sprachkenntnisse auf „bitte, danke, guten Tag" beschränken? Hoffentlich machen wir keinen Fehler, hoffentlich benehmen wir uns so, wie es erwartet wird! Jetzt können wir nachempfinden, wie sich Justyna, Rosi und all die anderen Austauschschüler gefühlt haben, als sie in eine andere Kultur eintauchten!

Anscheinend machen wir alles richtig, denn beim Abschied gibt es viele Umarmungen, Küsse und Einladungen, doch bald wieder zu kommen. Der Abschied – der findet viel später am Sonntag statt. Ab 13 Uhr wird wieder gefeiert. Mit Essen, Tanz, Gesang und – natürlich – mit Wodka. Wir erfahren, dass einige Gäste festgestellt haben, „dass die Deutschen richtig nett sind und gut feiern können." Das hätte man gar nicht gedacht!
Danke, YFU, für dieses Erlebnis.

Familie Blanken aus Buxtehude

Ach, übrigens ist unser Koffer beim Rückflug etwas schwerer: die einsame Flasche Wein liegt darin und – na klar – eine Flasche Wodka!

Zehn Jahre nach dem Austauschjahr auf der Hochzeit der polnischen Gasttochter

Auf der Hochzeitsfeier in Polen

Steffi Blanken mit ihrer polnischen Gasttochter ein Jahr nach dem Austausch