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Für eine vielfältige, offene und demokratische Gesellschaft

5. Januar 2026

Sabine hat 1982/83 mit YFU ein Austauschjahr in den USA verbracht und sich danach lange auf verschiedenen Ebenen für den Verein engagiert. Heute ist sie vor allem in der ehrenamtlichen kommunalen Politik bei sich vor Ort aktiv, aber YFU nach wie vor eng verbunden – und nutzt zum Beispiel Aktionen ihres Arbeitgebers, um YFU punktuell zu unterstützen. Was sie dabei antreibt, hat sie uns für das YFU magazin Ende letzten Jahres im Interview verraten, das ab sofort in voller Länge auch im YFU-Blog zu finden ist. 

 

Liebe Sabine, wie hat dich dein Austauschjahr mit YFU geprägt?

 

Einerseits haben mich mein Austauschjahr und auch danach meine ehrenamtliche Tätigkeit bei YFU persönlich sehr geprägt. Ich weiß nicht, ob ich ohne das Jahr zu einem recht selbstbewussten, zuversichtlichen und auch resilienten Menschen geworden wäre. Die Erfahrungen, mich auf mich selbst verlassen zu müssen und zu können, Schwierigkeiten lösungsorientiert anzugehen, über mich selbst lachen zu können und mit eigenen Fehlern aufrecht umzugehen, habe ich in meinem Jahr in den USA gemacht und eingeübt.

 

Andererseits hat mich der Perspektivwechsel enorm geprägt. Ich habe mich bereits durch meine Vorbereitungstagung und sehr stark nach meiner Ankunft in den USA mit meiner kulturellen Prägung auseinandergesetzt und meine Anpassung an die Gastkultur sehr bewusst erlebt. Die Chance, Menschen und Sachverhalte aus unterschiedlichen Perspektiven zu beurteilen, habe ich sicher in erster Linie durch mein Austauschjahr bekommen. Dass unterschiedliche Wertvorstellung ihre Daseinsberechtigung haben und wir die unsere immer wieder hinterfragen, ist für mich sehr YFU-typisch und begleitet mich immer.

 

Wie bist du YFU nach deinem Austausch verbunden geblieben?

 

Schon vor meinem Austausch hatte ich verschiedene Ehemalige in meiner damaligen Landesgruppe Bremen kennengelernt und fühlte mich auf meiner Nachbereitungstagung nach dem Jahr verstanden und willkommen. Die ähnlichen Erfahrungen, die Diskussionsthemen „über den Tellerrand hinaus“, aber auch viele besondere Menschen, die ich kennenlerne durfte, haben schnell ein Gefühl der Verbindung und Freundschaft geschaffen. Als ich später in Hannover studierte, waren YFU-Ehemalige eine wesentliche Freundesgruppe. Mit einigen habe noch immer, mal losen, mal intensiveren Kontakt – was verblüfft ist, dass wir uns auch nach Jahren mit wenig Kontakt auf Anhieb verstehen, als wären wir gestern auseinandergegangen. Ich denke, dass die persönlichen Beziehungen, aber auch die Möglichkeit, sehr jung Verantwortung im Ehrenamt übernehmen zu können, mich damals ganz besonders begeistert haben.

 

Du und deine Familie wart mehrfach Gastfamilie. Wie hast du diese Erfahrung empfunden?

 

In meiner Herkunftsfamilie gab es leider keine Möglichkeit, eine*n Austauschschüler*in aufzunehmen und so hatte ich immer den Wunsch, mal Gastmutter zu werden. Mit unseren „finnischen Söhnen“ Mika und Leo, zwei Brüdern, ihren Eltern und ihren Familien stehen wir noch immer in gutem Kontakt. Erst letztes Jahr haben wir den Vater der beiden zu einem runden Geburtstag mit unserem Besuch in Finnland überrascht.

 

Ich fand es immer spannend, die Anpassungsphasen bei den Gastkindern zu beobachten, aber auch bei meinen eigenen Kindern zu sehen, wie aus einem „fremden“ jungen Menschen nach und nach ein Familienmitglied wurde. Wir hatten mehrere Gastschüler*innen für ein ganzes Jahr, sozusagen von Anfang bis Ende, sind aber auch zwischendurch öfter eingesprungen, und haben dadurch auch Jugendliche mit Problemen in der Familie gehabt. Für uns als Familie war das prägend, für meine beiden Kinder ganz besonders. Svea hat mit 15/16 ein Jahr in Mexiko verbracht und hatte es nicht immer leicht, Malte ist als 16-jähriger für ein Jahr in die USA gegangen, was für seine Entwicklung enorm wichtig war.

 

Du bist heute ehrenamtlich politisch aktiv, unterstützt YFU aber weiterhin, zum Beispiel über deinen Arbeitgeber. Wie kam es dazu?

 

Ich war über 30 Jahre ehrenamtlich in verschiedenen Bereichen bei YFU aktiv, im Entsende- und im Aufnahmeprogramm, in verschiedenen Landesgruppen, im Vereinsleben. Ich habe verschiedene Tagungen geleitet, hatte viel Spaß bei der Betreuer*innen-Schulung in Bad Bevensen. Irgendwann merkte ich, dass ich eine andere Ebene des Engagements möchte und bin (zurück) in die kommunale ehrenamtliche Politik gegangen. Dennoch bin ich durch E-Mails, Newsletter usw. immer mit YFU in Verbindung geblieben. Als die Holding meines Arbeitgebers einen Preis für ehrenamtliches Engagement ausschrieb, habe ich YFU ins Spiel gebracht und immerhin kleine Spendensummen akquirieren können.

 

Was motiviert dich, dich nach so vielen Jahren noch immer für YFU einzusetzen?

 

Mir ist das Engagement für eine vielfältige, offene und demokratische Gesellschaft sehr wichtig. Das treibt mich auch in der Politik an – auch wenn man sich dort manchmal im „klein-klein“ verliert. YFU und der langfristige Jugendaustausch sind nach meiner Meinung ein beispielhaftes Engagement für Völkerverständigung, Friedenserziehung und Demokratie. Als Tochter von Eltern, die den Zweiten Weltkrieg sehr bewusst erlebt haben, sind Frieden und das Überbrücken kultureller Unterschiede durch Kommunikation, Respekt und Wertschätzung eine Herzensangelegenheit für mich und ich möchte im Rahmen meiner Möglichkeiten dazu beitragen, dass meine Kinder und Enkel hier in Deutschland, aber besser noch alle Menschen, in Frieden und gegenseitigem Respekt – bei allen spannenden Unterschieden – leben können.

 

Liebe Sabine, vielen Dank für das Gespräch und für dein Engagement!

 

 

Eine gekürzte Version dieses Interviews ist bereits im YFU magazin 2025 erschienen. 

Nach dem Austauschjahr